Brieftaubenpost - Schwedter Briefmarkensammler-Verein

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Brieftaubenpost

Heft 32

- von Wolfgang Ehrhardt, Schwedt

Beim Sichten alter Bestände fand ich auch einige Belege der früheren Tschechoslowakei wieder, deren Inschrift sie als Brieftaubenbrief ausweisen und die ich bisher als Spielerei abgetan hatte. Zwar kennt jeder das Kinderlied “Es kommt ein Vogel geflogen...“ auch hatte ich von der Story gehört, wonach die Familie Rothschild dank Brieftauben zu ihrem großen Vermögen gekommen sei, aber eine reguläre Brieftaubenpost war mir unbekannt – bis ich kürzlich beim Surfen im Internet auf einen interessanten Bericht über die Nachrichtenübermittlung durch Brieftauben stieß und neugierig geworden, fand ich dann auch in alten philatelistischen Schriften Einiges dazu.
Bei der Brieftaubenpost, der praktisch ersten Form der Luftpost, befördern Tauben schriftliche Mitteilungen. Bereits im Altertum war den Menschen die Fähigkeit der Tauben bekannt, aus größter Entfernung mühelos zu ihren Nistplätzen zurückzufinden und im Alten Testament wird von Noahs Taube berichtet, die in der Lage war, selbstständig zu seiner Arche zurückzukehren.
Schon früh wurde begonnen, die Taube zu domestizieren und durch Züchtungen gelang es schließlich, sie als Überbringer von Nachrichten einzusetzen. Eine erste Beschreibung der Taubenzucht lieferte der altgriechische Philosoph Aristoteles und noch heute ist die Zucht und der Leistungsvergleich von Sporttauben ein beliebtes Hobby. Eine speziell für den Wettkampf entwickelte “Taubenuhr“ zur Registrierung der Flugzeit ist auf dem abgebildeten Pigeongramm sehr schön zu er-kennen. Brieftauben können an einem Tag 800 bis 1000 Kilometer zurücklegen und erreichen dabei Geschwindigkeiten von 90 km/h.

Nutzten die Sumerer in Mesopotamien und die alten Ägypter die Tauben noch ausschließlich zum Überbringen wichtiger militärischer Botschaften, erlangte die Brieftaube im antiken Griechenland eine überragende Bedeutung als ideales Transportmittel für die geografische Beschaffenheit des Landes. So berichtet z.B. der römische Schriftsteller Claudius Aelianus über einen gewissen Taurosthenes, der seine eigene Brieftaube mit zu den Olympischen Spielen genommen hatte und nach seinem Sieg einen Teil des Zielbandes an den Fuß der Taube befestigte und auf diese Weise seinem Vater und seinem Heimatdorf auf der Insel Aigina die Nachricht von seinem Triumph überbrachte, lange bevor er wieder daheim sein konnte.

Im antiken Rom hatte die Brieftaube wieder vor allem militärische Bedeutung. Julius Caesar ließ Nachrichten von Unruhen in Gallien durch eigene Tauben überbringen, um so seine Truppen schnell befehligen zu können und Senator Plinius der Ältere berichtete in seinem naturwissenschaftlichen Werk Naturalis historia erstmals ausführlich über die militärische Verwendung von Brieftauben. Im 4. Jahrhundert war die Taubenpost im Römischen Reich so stark ausgebaut, dass zeitweilig bis zu 5.000 Brieftauben in Staatsbesitz waren.

Auch in China und Indien wurde die Brieftaube schon früh zur Nachrichtenübertragung verwendet. China baute auf der Grundlage der Taubenpost ein ganzes Postwesen auf.

Aus Europa war die Brieftaube nach dem Zerfall des (West) Römischen Reiches weit- gehend wieder verschwunden und erst die Kreuzritter brachten sie im 12./13. Jh. wieder mit, weil sie im Vorderen Orient die Bedeutung einer sicheren Nachrichtenübertragung erkannt hatten. Im Jahre 1190 gelang Kreuzrittern durch das Abfangen von Brieftauben Sultan Saladins und dem Weiterleiten gefälschter Nachrichten an die Bewohner Akkon´s zu täuschen und so die Stadt einzunehmen. Saladin hatte einen Postdienst einrichten lassen, die durch eine Kette von Festungen mittels Heliograph, Leuchtfeuer und Brieftauben die Nachrichtenübermittlung zwischen seinen Hauptstädten Kairo und Damaskus in nur 12 Stunden ermöglichte. Auch der Kalif von Bagdad Nur ad-Din und Mongolenherrscher Dschingis Khan hatten regelmäßig beflogene Taubenpostlinien zum Überbringen wichtiger Nachrichten in ihren Reichen.

In Europa war die Taubenpost vor allem ein wichtiges Nachrichtenmittel im Kriege. Vereinzelt dienten Tauben auch der Kommunikation zwischen Burgen und Klöstern.

Das unter Philatelisten bekannteste Beispiel für eine Brieftaubenpostverbindung ist die Pariser Ballonpost während des Deutsch-Französischen Krieges. Bei der Belagerung von Paris durch preußisch-deutsche Truppen war vom 23. September 1870 bis zur Kapitulation am 22. Januar 1871 eine Nachrichtenverbindung zwischen der Hauptstadt und dem nicht besetzten Frankreich nur durch die Luft möglich. Dafür wurden insgesamt 55 unlenkbare Ballone in Paris aufgelassen, die Briefe, Karten, Menschen, sogar Hunde und 363 Brieftauben beförderten. Nur 57 Tauben fanden den Weg zurück nach Paris; sie brachten jedoch auf Mikrofotos übertragen, rund zwei Millionen Nachrichten in die Stadt, wo sie durch eine Laterna magica stark vergrößert auf eine Leinwand projiziert wurden und so gelesen werden konnten. 

Weltweit gab es noch die verschiedensten Brieftaubenposten, wie die zwischen den deutschen Nordseeinseln und Feuerschiffen zum Festland; auch hatten viele Schiffe Brieftauben an Bord, um Nachrichten auf schnellstem Wege in den nächstgelegenen Hafen senden zu können. Den größten Einsatz von Tauben gab es im Ersten Weltkrieg, wo Deutschland allein 100.000 Brieftauben (Frankreich etwa 200.000 und England sogar 250.000) als fliegende Boten nutzte. Dabei konnte eine Erfolgsrate von 95% gelungener Nachrichtenübermittlungen verbucht werden.

Die per Taubenpost beförderten deutschen Sendungen sind mit einem blauen Bestätigungsstempel “Kgl. Preuss. Brieftaubenschlag“ gekennzeichnet. Zu Ehren deutscher Brieftauben im Kriege wurde 1939 in Berlin-Spandau ein Denkmal für sie errichtet.
Im Zweiten Weltkrieg kamen Brieftauben zunehmend in der Nacht zum Einsatz, weil man die Verluste durch Be-schuss verringern wollte. Die deutsche Armee hatte sich jedoch im Vorfeld des Krieges auf die Abwehr feindlicher Brieftauben vorbereitet und eigens dafür Greifvögel, vor allem Falken dressiert, die die Tauben im Flug attackierten, was sich auch als äußerst effektiv erwies.

Nach dem 2. Weltkrieg hat die Österreichische Gendarmerie ein Brieftaubennetzwerk aufgebaut und auf vielen Schutzhütten in den Alpen Brieftauben stationiert, die bei Bedarf (Alpinunfälle, Lawinenabgänge) zum Heimatschlag in Gendarmeriekommando Innsbruck geschickt wurden, um Hilfe zu holen, weil zu Beginn der 1970er Jahre in den Bergen noch kein engmaschiges Katastrophenfunknetz existierte. Ähnliche Einrichtungen gab es noch in vielen anderen Regionen der Erde.

Bemerkenswert ist der “Armee-Brieftaubendienst“ der Schweiz, der von 1878 bis 1997 bestand und im Krisenfall die Nachrichtenübermittlung sicherstellen sollte. Dafür verfügte die Armee zumeist über rund 3.500 Tauben, die durch private Züchter schnell auf 35.000 Tiere hätten aufgestockt werden können. Lustig ist dabei ein Merkblatt der Schweizer Armee, in dem die Taube als “Selbstreproduzierender Kleinflugkörper auf biologischer Basis mit fest programmierter automatischer Rückkehr aus beliebiger Richtung und Distanz“ beschrieben wurde. Dafür bietet die Schweiz mit besonderen Militär-Brieftaubenpostkarten, Pigeongrammen, Stempeln und sogar speziellen Brief-marken dem Philatelisten ein reiches Betätigungsfeld.

Nun aber noch zu der Rothschild-Story: Es ist verbürgt, dass Nathan Rothschild dank seiner Brieftauben den Ausgang der Schlacht bei Waterloo 1815 viel früher als der britische Premierminister erfuhr und alle seine englischen Aktien verkaufte, was ihm sogleich viele Anleger nachmachten, die glaubten, er sei im Besitz von Kenntnissen der britischen Niederlage. Nachdem nun die Kurse der Wertpapiere in den Keller gesunken waren, kaufte er sie heimlich wieder auf und konnte durch den Kursanstieg nach dem Bekanntwerden des britischen Sieges, hohe Gewinne erzielen.

Heute spielt die Brieftaube zur Übermittlung von Nachrichten keine Rolle mehr aber zum sportlichen Wettbewerb werden sie Hunderte Kilometer weit zum “Auflasssort“ gefahren und im heimischen Schlag mit der Taubenuhr zur Registrierung erwartet.

Aus dem Sport kommen auch die Tiere, die hin und wieder bei Ausstellungen zur Sonderpostbeförderung dienen, wie beispielsweise am 17.4.1982 in Sulzbach-Rosenberg oder am 9. Mai 1968 in Brno (Tschechien), wo auf dünnem Seidenpapier vier verschiedene Pigeongramme mit eingedrucktem Wertzeichen zu haben waren. Ich bezweifele aber, dass die mit Pigeongram beschrifteten Umschläge (ebenso wie viele Belege anderer Veranstaltungen) je mit einer Taube geflogen sind – auch wenn sie einen Taubenuhrenstempel tragen.



Die kleinen und leichten Briefchen, die wirklich mit einer Brieftaube geflogen sind, müssen wie auf den nebenstehend gezeigten Beispielen, Faltspuren aufweisen, denn sie waren ja während des Fluges in kleinen Päckchen oder Röhrchen zwischen den Schwanzfedern befestigt.







Auf einem als Pigeongram bezeichneten Umschlag (in dem die eigentlichen Taubenbriefe verkauft wurden) 
als Teilfrankatur geklebter Leichtbrief, der scheinbar per Taube befördert wurde


 
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