Die Wiederaufnahme des Postdienstes 1945 in Templin - Schwedter Briefmarkensammler-Verein

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Die Wiederaufnahme des Postdienstes 1945 in Templin

Heft 33

Nach Informationen und mit Belegen unseres Vereinsmitgliedes Bernd Schuster aus Templin

Wie die meisten großen Orte der Uckermark war auch Templin in den letzten Wochen des Krieges schwer zerstört; noch am 6. März 1945 waren durch Bombenangriffe 65% der historischen Altstadt vernichtet worden, darunter das Postamt.
Nach der Besetzung Deutschlands hatten die Siegermächte dann zunächst jeden Postdienst verboten. Aber die mühsam wieder in Gang kommende Wirtschaft und der allgemeine Informationsbedarf machten eine Wiederaufnahme des Post- und Telegrafen-dienstes zwingend notwendig. Deshalb ordneten die sowjetische Kommandanten der Kreise je nach den örtlichen Möglichkeiten schon ab Mai eine Behördenpost zwischen den Stadtverwaltungen und Bürgermeistern ein.
Der private Postverkehr innerhalb der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) wurde dann ab 6. August 1945 wieder erlaubt.

Dieser Brief vom 15.8.45 ist der bisher früheste bekannte Beleg

Da es noch keine Briefmarken gab, musste die Gebühr bar bezahlt werden. Ein entsprechender zweizeiliger Rahmenstempel war dafür noch vorhanden. Allerdings fehlten Tagesstempel und es musste ein Ersatz gesucht werden. Der einzig verfügbare war der spitzovale Bahnpoststempel TEMPLIN-FÜRSTENWERDER, der als Notstempel Verwendung finden konnte und der bis zum Auffinden der alten Templin-Stempel auch das einzige Stempelgerät blieb.
In diesem Zusammenhang dürfte auch von Interesse sein, dass die Bahnstrecke zwischen Templin und Fürstenwerder bereits im Juni 1945 von den Sowjets als Reparationsleistung abgebaut (und danach nie wieder hergestellt) wurde.






Ein sehr bemerkenswertes Zeitdokument ist ein Brief vom 19. September 45 (Poststempel vom 21.9.) eines evangelischen Pfarrers an seinen Sohn gleicher Profession in das kaum 50 km entfernte Hetzdorf. Der erhaltene Brief soll wegen seines interessanten Inhalts ungekürzt wiedergegeben werden:

Templin, 19.9.45

Nun möchte ich in Ruhe auf Deinen Brief antworten.
Als ich neulich in G. war traf ich dort unseren Polizeiinspektor in Uniform zu Fuß. Als ich mich darüber wunderte, meinte er, er wollte sich sein Rad nicht fortnehmen lassen. Das geschieht leider immer noch. Aber ein Rad mußt Du haben. Ich würde daher zum Kommandanten gehen u. ihn darum, auch um eine Uhr bitten, Dir eine Bescheinigung ausstellen lassen, dass Dir das Rad keiner nehmen darf, schließlich noch vom Insp. eine Bescheinigung, dass Du in der Umgegend von Prenzlau zu amtieren hast, natürlich Deutsch und Russisch, vor allem mit Stempel.
Schwester Maria Krüger riet zu einer Armbinde mit 1 Lilakreuz. Darunter Pfarrer u. auch russisch. Natürlich ist das kein Allheilmittel, aber besser wie gar nichts. Ich habe schon einmal, als ich von weitem angerufen wurde, einfach das Zeichen des Kreuzes gemacht.
Ich wage noch nicht nach Densow zu fahren, wo übrigens Schule und Betsaal niedergebrannt sind, auch nicht nach Ahrensdorf. Da begegnet man zuviel Russen. Das ganze Gymnasium ist belegt. Templin ist wohl Sammelstation. Wenn 1000 im Postheim zusammen sind, werden sie weiter abgeschoben. Ob denn noch bei Euch viele sind?

Übrigens sollen Russen und Polen sich auch nicht grün sein. Erstere sollen dort auch alle Fabriken ausbauen.

Otto soll noch nicht hier sein. Ich kenne leider seine Frau noch nicht, habe ihr aber Deinen Gruß bestellen lassen. Ludwigshof soll von Russen besetzt sein. Du bist also, wie Tante G. schreibt, um 9:50 nach Angermünde abgefahren, wann dort angekommen u. wie weiter, wann in Hetzdorf angelangt.
Es sollen noch 50.000 Flüchtlinge in unserem Kreise untergebracht werden. Wie sieht es denn in Lemmersdorf, Wolfshagen, Kleisthöhe aus? Welches Haus ist abgebrannt?
Dein Gedanke mit meiner Sup. Vertretung ist interessant. Ich danke dafür. Frau Sup. zieht aus. Aber außer dem Büro im Konf. Saal wohnen noch im Hause die Abgebrannten Jander, Jacobi u. Georg Huhle.
Soeben war ich auf der Fahrbereitschaft, um zu fragen, ob ein Transport von Möbeln nach Prenzlau möglich wäre, ja in der nächsten Woche mit den so genannten Salzautos, aber eben nur bis Prenzlau. Vielleicht könnten sie von dort von Dir durch Schepkow abgeholt werden. Aber wo unterstellen. Das müsste alles klappen u. ist nicht so einfach bei der langen Postverbindung. Ich werde auch noch bei Ecker u. Hut nach den Autos fragen.
Ich hörte soeben, dass alle verfügbaren Kräfte für den Bahnbau nach Eberswalde eingesetzt werden sollen. Um die Familienbilder ist es ja schade, aber Du kannst ja die meinigen haben, soweit sie noch da sind. In der Nacht vom Sonntag sind beim hiesigen Kommandanten nicht weniger als 30 Überfälle gemeldet. Soeben war ich bei Ecker u. Huth. Die Salzautos sind abgeblasen von den Russen, fahren also nicht nach Prenzlau, doch die Möglichkeit einer Mitnahme bleibt bestehen; ich soll immer einmal nachfragen. Also überlege, damit wir gegebenenfalls schnell handeln können. Ich fürchte sonst, dass mir am Ende noch Sachen beschlagnahmt und genommen werden.
Auf dem Markt haben sie wieder große Stalinbilder errichtet.
Ob die Post heute etwas bringen wird!
Ich habe heute hier 2 Begräbnisse.
In treuem Gedenken mit herzl. Grüßen für die ganze Familie,

Dein Vater

Der Brief wurde mit dem gleiche Bahnpost-Notstempel,
dessen Zugnummer aptiert wurde, entwertet
und noch war die Gebühr in bar am Schalter zu bezahlen.











Hier wurde eine sogenannte Ostarbeiterkarte (die Ganzsache P 310A), die 1943 für die in Deutschland “beschäftigten“ Ostarbeiter mit deutschen, russischen und ukrainischen Vordruck erschien, aufgebraucht, wozu das Hitler-Wertzeichen mit einer (leider in der Abbildung schlecht zu erkennenden) Oblate überklebt ist, auf die der am 23.10 45 immer noch verwendete gleiche Notstempel mit abgeschlagen wurde.









Wie der Brief vom 26.11.45 zeigt, war nun wieder ein alter Templin-Tagesstempel aufgetaucht. Der Gebühr-bezahlt-Stempel war ein Gummistempel und war langsam größer und weich geworden, weshalb er hier so unförmig aussieht:

Laut Handbuch der Orts-Notstempel von Richter war der Bahnpost-Notstempel von 8/45 bis 10/45 in Gebrauch, danach 3 Typen des Altstempels mit den Unterscheidungsbuchstabe a, b und c: Ub “a“ ab 5.11.45, Ub “b“ ab 10.9.45 Ub “c“ ab 10.9.46










Seit dem 12.11.1945 galten dann auch in Brandenburg die Berliner Bärenmarken und es begannen wieder “normale“ Postabläufe.
(wwe)

Anmerkung:
Der Absender Fahrbereitschaft Templin des ersten Briefes war praktisch der “Fuhrpark“ der Stadtverwaltung, der die wenigen zur Verfügung stehenden Kraftfahrzeuge des gesamten Kreisgebietes (die nicht von den Besatzern requiriert worden waren) verwaltete und über ihren Einsatz bestimmte.


 
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