Ganzsachen - ein Stiefkind der Philatelie? - Schwedter Briefmarkensammler-Verein

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Ganzsachen - ein Stiefkind der Philatelie?

Heft 33

- von Konrad Fischer 

Nach meinen Erkenntnissen und Erfahrungen wird das Sammeln von Ganzsachen nur von einer Minderheit der Briefmarkensammler betrieben. Die Definition besagt, dass es sich um vorausbezahlte Briefumschläge, Postkarten, Postanweisungen, Telefonbillets und andere Postformblätter handelt, die mit einem entsprechenden eingedrucktem Hinweis wie Wertzeichen oder Wertstempel versehen sind. Warum das Interesse der Sammlerschaft an Ganzsachen weniger vorhanden ist als an Briefmarken, lässt sich schwer beantworten. Vielleicht liegt es u.a. am größeren Platzbedarf und der nicht so übersichtlichen Unterbringungsmöglichkeiten wie es die Vordruckalben für Briefmarken sind.

Die ersten Ganzsachen erschienen gleichzeitig mit den ersten Briefmarken in England. In Deutschland war es Hannover, das ab 1849 “Bestellgeldfreie Couverts“ der Stadtpost verkaufte. Wie die folgende Abbildung zeigt, waren die ersten Ganzsachen vollkommen gestaltete Briefumschläge, die nichts mit dem heute gebräuchlichen Eindruck einer normal erschienenen Briefmarke gemeinsam hatten.







Der rückseitige Text gibt an, dass die mit dem Bestellgeldfrei-Vermerk versehenen Couverts in der Residenzstadt Hannover mit ihren Vororten frei zugestellt werden. Beim Königlichen Post-Amt kann das Dutzend für 4 Gutengroschen gekauft werden, was heißt dass ein Umschlag 4 Pf. kostete. (1ggr. = 12 Pf.)
Wie Abgangs- und Ankunftsstempel belegen, war der Brief vom Hofpostamt Hannover nach dem ca. 50 km entfernten Banteln vom 24. bis 26.5. (1850) also 2 Tage unterwegs.






Preußen war dann der erste altdeutsche Staat, der 1851 Couverts mit eingedruckten Wertzeichen ausgab.

Am 14.9.1867 in Cassel verwendeter preußischer 3-Pfennig-Umschlag (Mi.-Nr. U29), der speziell für die Ortsbeförderung im nördlichen Teil des am 1.7.1867 von Preußen übernommenen Thurn- und Taxisschen Postgebietes (wozu das damalige Kurfürstentum Hessen-Kassel gehörte) ausgegeben wurde.








Nach Preußen gaben bald die anderen Altdeutschen Staaten wie auch das Königreich Sachsen eigene Ganzsachen-Umschläge aus, in den Portostufen für die verschiedenen Entfernungszonen und Beförderungsarten.

Sächsischer 5-Neugroschen-Umschlag (Mi.-Nr. 24), der die Gebühr für den eingeschriebenen Brief von Chemnitz nach Hamburg abdeckte. Die rückseitigen Stempel belegen die Beförderung mit der Bahnpost an nur einem Tag – und das vor 140 Jahren!

Nach Einführung der Postkarte (1870) war es nur logisch, diese auch mit Wertstempeln zu versehen und ab 1873 gab es dann die Ganzsachen-Karten.
Unterschieden wird bei Ganzsachen in
- amtliche Ganzsachen (an den Postschaltern verkauft),
- amtliche Ganzsachen mit privatem Zudruck von Organisationen u.a.
- Ganzsachen auf Privatbestellung, die nicht an den Postschaltern verkauft werden.













Feststellend kann man sagen, dass erst Briefmarken und Ganzsachen zusammen die Postwertzeichen eines Sammelgebietes ausmachen. Wenn bei den Vordruckalben auch keine Ganzsachen abgebildet sind, ist doch das Einfügen von Blankoblättern mit Briefen und Karten möglich. Ende des 19. Jh. gab es Ganzsachenalben mit Vordrucken der Wertstempel, was aber das Zerschneiden der betreffenden Ganzsache erforderte und von ernsthaften Sammlern abzulehnen ist.
Aus Ganzsachen ausgeschnittene Wertstempel, sog. Ganzsachenausschnitte, konnten in Deutschland bis 30.9.1998 zur Frankatur verwendet werden, wenn sich beispielsweise der Absender verschrieben hatte, konnte er doch den Ausschnitt noch verwenden.
Für Interessierte gibt es neben den einschlägigen Ganzsachen-Katalogen auch überregionale Sammlervereine wie die Berliner- und Münchner Ganzsachensammlervereine.


 
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