170 Jahre Briefmarken - Von einer Postreform zur ersten Briefmarke - Schwedter Briefmarkensammler-Verein

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170 Jahre Briefmarken - Von einer Postreform zur ersten Briefmarke

Heft 33

- von Wolfgang Ehrhardt

Der 6. Mai 1840 gilt allgemein als Geburtstag der Briefmarke, weil sie zusammen mit den ersten Ganzsachen ab diesem Tag galten. Doch das ist nicht ganz richtig, denn die britische Post verkaufte die “Penny black“ bereits ab 1. Mai 1840 - weshalb es (natürlich) auch frühere Verwendungen gibt.
Wenn wir Briefmarkensammler in diesen Tagen dem Ursprung unseres Hobbys gedenken, sollten wir uns aber auch einmal hinterfragen, weshalb es eigentlich zur “Erfindung“ der Briefmarke kam.
Im Vereinigten Königreich Großbritannien, dessen Staatspost bis ins 16. Jh. zurück reicht, und das schon 1661 erste Aufgabestempel kannte, hatte sich im Laufe der Zeit ein völlig unübersichtliches und kompliziertes Gebührensystem entwickelt, das allein im Inlandverkehr etwa 40 (vierzig!) Portosätze hatte. Die Gebühren wurden anfangs nur nach der Entfernung und dem Gewicht ermittelt. Um aber die Staatsfinanzen aufzubessern, hatten sie die Schatzkanzler immer wieder erhöht und mit Sonderzuschlägen belegt. So galt als einfacher Brief nur ein Blatt Papier unter ½ Unze Gewicht; enthielt das gefaltete Blatt aber beispielsweise ein getrocknetes Veilchen, galt es schon als Doppelbrief und kostete auch das Doppelte. Unabhängig vom Gewicht zählte auch die Anzahl der Briefbögen und beim Transport über größere Entfernungen spielten neben willkürlich festgelegten Wege- und Brückenzöllen sogar die Anzahl der Wagenachsen eine Rolle. Bei Briefen nach Irland kam noch ein Zuschlag für die Seequerung dazu außerdem hatte die irische Meile ein anderes Maß als die englische und der irische Shilling hatte 13 Pence gegenüber dem englischen mit nur 12 Pence. Briefe durch Schottland erforderten zwischen 1813 und 1839 noch eine Additional (Zusatz)-Gebühr von ½ Pence. Dazu kam, dass die Postzusteller die ihnen übermittelte Gebühr kontrollieren, auf den Umschlag schreiben und einziehen mussten. Die Gebühren für Pakete waren so hoch, dass sie meist gar nicht mit der Post befördert wurden.
Diese Entwicklung führte dazu, dass sich nur noch Wohlhabende der Post bedienen konnten, diese aber mit allen Mitteln und bei jeder Gelegenheit zu umgehen suchte. Für den einfachen Bürger war die Post unerschwinglich geworden, weshalb es auch nicht verwundert, dass aus dieser Zeit fast nur Geschäftspost und kaum private Briefe erhalten sind.

Privatbriefe an den gleichen Adressaten aus den Jahren 1830 uns 1838.

Das hatte natürlich auch Auswirkungen auf die Post selbst und die Staatsfinanzen, denn das Postaufkommen war immer weiter rückläufig und brachte trotz stetig steigender Gebühren immer weniger ein.
Es war der junge Abgeordnete Robert Wallace, der seit 1833 im Unterhaus regelmäßig diese Missstände anprangerte und damit große Zustimmung und in Rowland Hill den entscheiden Mitstreiter fand. Hill bekam von ihm alle Unterlagen und Informationen, mit denen er 1837 seine Flugschrift “Die Postreform, ihre Wichtigkeit und Durchführbarkeit“ verfasste. Darin schlug er einen einheitlichen Gebührensatz von einem Penny für Briefe bis zu einer halben Unze (7½ Gramm) innerhalb des Landes vor. Die Portofreiheiten der Parlaments-Mitglieder sollten ebenso aufgehoben werden, wie von öffentlichen Ämtern und Behörden. Außerdem sollten nicht mehr die Empfänger, sondern die Absender zur Frankierung verpflichtet werden.
Hill wies nach, dass die Gebührensenkung eine gewaltige Zunahme des Briefe Schreibens zur Folge habe und das die Postreform letzten Endes gewinnbringend sei.
Zur Begründung schrieb er unter anderem: „Der Arme ist bei den übermäßig hohen Portosätzen gezwungen, entweder auf den Briefverkehr ganz zu verzichten oder aber seine Briefe durch ungesetzliche Mittel zu befördern. Im letzteren Falle wird er in seinem Rechtsbewusstsein und in seinem bürgerlichen Gewissen schwer geschädigt.... Den Reichen wie den Minderwohlhabenden wird die Postreform willkommen sein... sie wird dem Handel neuen Schwung verleihen und einen wichtigen Schritt zur allgemeinen Volkserziehung bilden.“
Wie heute meist auch noch, lehnten die Behörden zunächst jede Neuerung ab. Doch unter dem Druck der Öffentlichkeit musste das Parlament einen Untersuchungs-ausschuss zur Prüfung der Hillschen Vorschläge einsetzen. Vor allem Geschäftsleuten gaben entscheidende Hinweise, dass durch die hohen Kosten z.B. das Monopol der Post in einem nicht zu vermutenden Ausmaß von privaten Botendiensten durchbrochen würde, die ein Vielfaches an Briefen beförderten als es die Post tue.
Schließlich befürwortete die junge Queen Victoria, die 1837 im Alter von 18 Jahren Königin des britischen Empire geworden war, die Reform und verzichtete selbst auf ihr Recht der Portofreiheit. In einer Thronrede sagte sie am 17.8.1839: „Mit Befriedigung habe ich meine Zustimmung zur Posttaxenermäßigung gegeben. Ich vertraue darauf, dass die angenommene Vorlage eine Hilfe und Ermutigung für den Handel bedeutet und dass dank der Erleichterung der Beziehungen und des Nachrichtenverkehrs ein großer sozialer Fortschritt und eine Verbesserung erzielt wird.“
In zwei Schritten erfolgte nun die Gebührensenkung. Zunächst wurde am 5.12.1839 in einer Übergangsphase von nur 35 Tagen ein Einheitsporto von 4 Pence für Inlandsbriefe eingeführt. Diese Gebührenperiode war zur Eingewöhnung der Postbediensteten und des Publikums gedacht.
Mit einer Verfügung vom 28.12.1839 wurde dann am 10. Januar 1940 endgültig das “Penny-Porto“ eingeführt. Ab jetzt kostete jeder vorausbezahlte Brief unter ½ Unze Gewicht innerhalb der britischen Inseln einheitlich 1 Penny, unabhängig vom Inhalt und der Anzahl der Briefbögen. Briefe bis zu einer Unze Gewicht kosteten 2 Pence. Noch in der Nacht zum 10.1. bildeten sich an den Postämtern lange Schlangen und Wallace schrieb an Hill: „Seit einer Stunde schlägt sich die Öffentlichkeit vor den Schaltern, um Briefe zu einem Penny aufzugeben!“
In welcher Form die Vorausbezahlung der Gebühren erfolgen sollte, war von Rowland Hill nicht mit vorgeschlagen worden, weshalb das Schatzamt einen Wettbewerb zu einer kostengünstigen und bequemen Handlungsweise ausschrieb. Von 2.600 eingegangenen
Vorschlägen wurde gleichzeitig die Entwürfe von Mulready und Cheverton realisiert.
Doch zunächst mussten die Briefe am Schalter aufgegeben und bezahlen werden, wozu der Postbeamte einen handschriftlichen “Prepaid“ (= vorausbezahlt)-Vermerk in roter Farbe neben dem Abgangsstempel anzubringen hatte, was in den unterschiedlichsten Varianten vom einfachen roten Strich bis zu diversen Abkürzungen (1, 1d, 1p, P1, Pd, PP, p.p u.ä.) geschah. Oft brachten die Absender noch zusätzliche Vermerke an.

Früher Brief vom 17.April 1840 mit
dem Absendervermerk “p.p.“
= Prepaid heißt voraus bezahlt
und rotem Strich für 1 d (Penny).






Auf dem Ortsbrief
heißt der postalische
Vermerk “P1“
= Prepaid

Postämter in den größeren Städten mit hohem Postaufkommen ließen sich auch einfache Zahlenstempel anfertigen, die auf vorausbezahlte Briefe in rot und auf unfreie, wofür der Absender die doppelte Gebühr zu entrichten hatte, schwarz abgeschlagen wurden.

1- Penny-Stempel in rot
neben einem “PAID”-
Stempel aus London

Die “One Penny Black“ wurde mit unlöslicher Farbe in den Tönen tiefschwarz, schwarz und grauschwarz auf weißem Wasserzeichenpapier eng aneinander gedruckt, so dass es kaum vollrandige Marken gibt. Als Motiv wurde ein Kopfbildnis der jungen Queen Victoria gewählt. Von 11 Platten wurden insgesamt ca. 68,3 Millionen Stück hergestellt. An den Eckbuchstaben kann die Stellung im Druckbogen ersehen werden.


Gleichzeitig mit der ersten Briefmarke erschienen auch die ersten Ganzsachen.


Die “Mulreadys“ kamen als Briefbogen, die man nach dem Beschreiben zusammenfalten konnte und als Umschläge zum Verkauf. Die Vielzahl dargestellter allegorischer Figuren aus der Geschichte des britischen Weltreiches, die fast die gesamte Anschriftenseite einnimmt, fand nur wenig Gefallen, so dass es in der breiten Öffentlichkeit und in der Presse heftigen Spott für sie gab. Auch weil sie ¼ Pence mehr kosteten, als die am Unterrand angegebene Beförderungsgebühr, wurde der Verkauf bereits 1841 wieder eingestellt. Aber sie blieben ebenso wie die Briefmarken weiterhin gültig.

Trotz der Briefmarken wurden noch bis in die 1850er Jahre die am Schalter aufgegebenen Briefe (wenn nicht besonders Marken verlangt wurden) bar verrechnet und in der bekannten Art und Weise behandelt. Auch bestand kein Zwang zur Vorausbezahlung. Dafür gab es seit 1841 besondere “PAID“(=Bezahlt)-Stempel in verschiedenen Formen, für die es Spezialliteratur gibt.

Zwei Beispiele
für Londoner
Stempel:







Stempel des Bahnpostamtes
Woolwich. Hier befand sich
einst das Königliche Arsenal
(heute das Artillery-Museum)
und hier wurde im Jahre 1886
der Fußballclub FC Arsenal
gegründet.


Noch zu erwähnen ist, dass zeitgleich mit der ersten Briefmarke ab 6. Mai 1840 auch Mulready-Ganzsachen (Umschläge und Briefbögen) zu zwei Penny (für 2¼ Penny) zu haben waren und dass es zwei Tage nach der Nummer Eins ab 8. Mai die blaue Two Pence-Marke für Briefe bis 1 Unze Gewicht gab.
Eine weitere Besonderheit der britische Post ist, dass sie keine Angst vor Fälschungen und Nachahmungen der Marken hatte, sondern vielmehr befürchtete, die Stempel könnten entfernt und die Marken erneut verwendet werden. Deshalb gab es zahlreiche Versuche mit Stempeln und Farben, wonach letztlich die “Killer“-Stempel entstanden.




 
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