Germania – Symbol einer “großen” Zeit - Schwedter Briefmarkensammler-Verein

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Germania – Symbol einer “großen” Zeit

Heft 36

- von Wolfgang Ehrhardt

Vor 111 Jahren erschienen in Deutschland die “Germania”-Marken und lösten die vorausgegangenen “Brustschild”- und “Krone-Adler”-Ausgaben ab, die alle, angefangen bei den Brustschilden, mehr oder weniger kritisiert und als nicht mehr zeitgemäß erachtet wurden. Außerdem herrschte seit 1888 mit Wilhelm II. ein Kaiser, der liebend gern sein Porträt auf den Briefmarken gesehen hätte. Diesen Gedanken musste er allerdings mit Rücksicht auf die Befindlichkeiten der deutschen Bundesländer und ihrer Fürsten und Könige fallen lassen. So entschied man sich für eine allegorische Symbolfigur mit der sich alle Deutschen identifizieren konnten. Bereits während der frühbürgerlichen Revolution in Deutschland besann man sich der schon vom römischen Historiker Tacitus beschriebene tugendhafte Frauengestalt der Germania und forderte in ihrem Namen die deutsche Einheit, Freiheit und Demokratie und im Jahre 1848 wurde mit nebenstehendem Bild von Philipp Veit der Altar der Frankfurter Paulskirche zur Nationalversammlung abgedeckt.
Nach der Deutschen Einheit “von oben” nutzte Preußen geschickt die positive nationale Stimmung und beschwor eine friedliche Zukunft und allgemeine Wohlfahrt und warnte vor dem alten Feind Frankreich mit einer wehrhaften personifizierten Germania. In der Folgezeit entstanden überall im Reich sogenannte National Denkmale – oft mit einer gewaltigen Germania. So ist es nicht verwunderlich, dass auch für neue Briefmarken dieses Motiv Verwendung fand.

Es wurde ein Wettbewerb ausgeschrieben, der die Wünsche Seiner Majestät “selbstverständlich in hohem Maße” berücksichtigte. So ist verbürgt, dass die Wettbewerbsteilnehmer, mit Frack oder Gehrock bekleidet, im Saal der Reichsdruckerei vor ihren Entwürfen stehend, den Kaiser erwarteten. Dieser kam auf die Minute genau in schnellem Lauf zur Tür herein und schritt, die tiefen Verbeugungen kaum beachtend in unvermindertem Tempo an den Staffeleien vorbei. Wieder an der Tür angelangt, machte der Allerhöchste Kunstkenner kehrt und ging gerade auf die Germania zu und sprach, mit dem Finger kurz auf sie deutend, nur das eine entscheidende Wort: “Die”. Und draußen war er.

Der Schöpfer, Paul Eduart Waldraff (1870-1917) kannte die Vorliebe des Kaisers für die Schauspielerin Anna Führing und malte sie mit Kaiserkrone und Brustpanzer auf ein Schwert gestützt – wie er selbst sagte: “Die Germania mit dem Blechbusen”.

Anna Führing (1866-1926), war Schauspielerin u.a. im Theater am Schiffbauerdamm in Berlin und stellte in Bühnenrollen oft die Germania dar, als welche sie auch Wilhelm II. begeisterte.




Entwurfszeichnung von Waldraff



Am 1. Januar 1900 kamen dann 10 Werte der ersten Germania-Marken mit der Inschrift “Reichspost” in mehreren Auflagen und mit unterschiedlichen Farbvarianten zum Einsatz.
Bereits am 28. Dezember 1899 war der offizielle Erstverkaufstag der “Jahrhundertkarte”, damit sie noch für die Neujahrsgrüße genutzt werden konnte. Es gibt aber von der Karte und einzelnen Werten schon frühere Verwendungsdaten.


Ob die Karte aus dem chinesischen “Schutzgebiet” Kiautschou vorher dorthin geschickt wurde - immerhin war der Empfänger Ludwig Freyhoff ein Sammler - ist unerheblich, jedenfalls ist sie ein schöner Beleg für eine Heimatsammlung!

Interessanterweise gab es jedoch gleich beim Erscheinen der Marken auch heftige Kritik. Harmlos klingt dabei noch: “Die alten Reichspostmarken waren ja gewiss etwas nüchtern und phantasielos, aber sie entsprachen doch mehr der Würde eines großen Reiches als dieses schwächliche Werk, das im Auslande von deutschem Geschmack und deutscher Kunstfärtigkeit ein merkwürdiges Zeugnis ablegen wird... Über das Muster kann man alles andere als freudig zustimmender Meinung sein!” Vorallem das Brustbild der Germania sei zu groß und beengt im Rahmen, es sehe einfach nicht schön aus.
Noch härter wurde die Jahrhundertpostkarte verspottet: Die Zeitschrift “Dekorative Kunst” bezeichnet sie als “die stümperhafteste Leistung der Welt”. Und die Berliner Börsen-zeitung schrieb wörtlich: "Die Jahrhundertpostkarten sind jetzt in allen Händen und werden beim kommenden Neujahrsfeste gewiss eine große Rolle spielen. Wenn wir uns das viel besprochene neue Opus betrachten, so müssen wir sagen, dass die Künstler der Reichspost sich damit keinen besonderen Ruhm erworben haben. Die Zeichnung der Vorderseite, diese wie von Kinderhand gestrichelten Wolken, die charakterlose Zahl 1900, all das erinnert in seiner Dürftigkeit und Kümmerlichkeit an die Glückwunschkarten, die uns zu Neujahr von Schornsteinfegern und anderen naiven Gratulanten vorgelegt werden. Trostlos und unter aller Kritik ist vor allem die neue Reichspostmarke. Der Kopf der Germania ist gewöhnlich und ohne jede Noblesse, der Druck ist so unklar, dass der Kopf sich nicht im Geringsten ästhetisch von dem viel zu roh schraffierten Hintergrund abhebt. Man sehe sich die verkümmerte Hand an, die da in der Ecke links unten eingequetscht ist, und man wird sich fragen, was diese Hand und dieses schiefe Schwert eigentlich für einen Sinn haben soll. Es sieht aus, als ob die interessante Dame sich mit dem Dolch in der Magengegend herumstochert.”
Sogar die englische Zeitschrift "Gibbons Stamp Weekly” machte sich am 18. Oktober 1908 lustig: " Ein Gerücht besagt, sie (die Germania-Marke) verdanke ihr Dasein dem vielseitig begabten Monarchen des Deutschen Reiches, und dass er sogar das Mittelstück der Pfennig-Werte entworfen habe. Es ist gewiss, dass die Marken zum Gedenken des 20. Jahrhunderls ausgegeben wurden. Der Kaiser, wie viele andere Leute, war der verfehlten Meinung, dass das 20. Jahrhundelt am 1. Januar 1900 begann - und dem-zufolge hatte es für Deutschland so zu sein. Der bewusste Entwurf ist tatsächlich ein armseliges Beispiel teutonischer Kunst. "

Ob man nun die Germania-Marken schön findet oder nicht, sie sind ein Stück deutscher Geschichte und finden noch heute viele Liebhaber. Schließlich ist die Germania das am längsten auf deutschen Freimarken vorkommende Motiv. In den Jahren bis 1922 erschien das immer gleiche Germaniabild auf zahlreichen Auflagen in insgesamt 428 Haupt- und 256 Unternummern sowie auf 552 Ganzsachen des Deutschen Reiches und seiner Nebengebiete. Dazu kommen Markenheftchen, Zusammendrucke mit und ohne Werbung, diverse Abarten und Plattenfehler, bedruckte Seitenränder und Ausgaben mit Maschinen- und Handstempelaufdrucken. Sogar Ausgaben in Polen sowie Kriegspropaganda- und Souvenirmarken gibt es im Germania-Muster. 

Heftchen-Blatt Nr. 1 und Beispiele der Vielfalt


Eduard Trost schrieb nach Auslaufen der Germania-Marken das recht wehmütiges Gedicht:

So leb denn wohl Germania,
die längste Zeit mein Aug' dich sah...
Und warst uns Stolz in großer Zeit
und Trost in der Erbärmlichkeit.
An deine Stelle tritt nun die Zahl.
Die stumme Rechnung uns'rer Qual.

Denn Zahlen werden uns erstehn
dass uns die Augen übergehn.
Doch dein vergessen wird man nicht,
bis einst die Weltgeschichte spricht:
- Der deutsche Lenz ist wieder da,
leider ohne die Germania -.

Literatur:
- Germania, von Wolfgang Köhler, AM des Philatelistenvereins Babelsberg
- Internet, Wikipedia


 
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