Die Post im Zeitalter der Eisenbahn - Schwedter Briefmarkensammler-Verein

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Die Post im Zeitalter der Eisenbahn

Heft 37

- von Wolfgang Ehrhardt 

Als in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts die Eisenbahnen ihren Siegeszug antraten, entstand damit der Post ein ernsthafter Konkurrent. Die Vorzüge dieses neuartigen Verkehrsmittels waren so überzeugend und der bis dahin allein präsenten Pferdepost so weit überlegen, dass schon bald die Post auf ihr verbrieftes Recht, Personen und Güter fahrplanmäßig zwischen verschiedenen Orten zu befördern, ver-zichten musste. Deshalb erließ Preußen bereits am 3. November 1838, fünf Tage nach Eröffnung der ersten preußischen Bahnstrecke zwischen Berlin und Potsdam das “Gesetz über die Eisenbahnunternehmungen“, mit dem sich der Staat die kostenlose Beförderung seiner Post-Sendungen auf dem Schienenwege sicherte. Anfangs setzte man einfach die beladene Postkutsche, auf den oft befahrenen Hauptstrecken sogar nur die Kutschen ohne Fahrgestell, auf flache Eisenbahn-"Plateau"-Wagen u. holte sie am Bestimmungsort wieder mit dem Pferdegespann zur üblichen Weiterbeförderung ab. Während der Bahnfahrt musste der jetzt Schirrmeister genannte Postillion auf dem schwankenden Kutschbock mitfahren und an den Haltestellen unterwegs Poststücke austauschen. Dieses gefährliche und ungemütliche Huckepack-Verfahren konnte nicht lange bestehen bleiben und wurde nach und nach durch spezielle Bahnpostwagen ersetzt.
Der Bahnbau machte schnell Fortschritte und bereits 1850 gab es mit 54 Bahnlinien und zahlreichen Nebenstrecken ein zusammenhängendes Eisenbahnnetz in Deutschland. Als eine der ersten Fernbahnen in Preußen entstand die Berlin-Stettiner-Eisenbahn, die etappenweise zunächst am 1. August 1842 bis Neustadt-(Eberswalde), am 15. November 1842 bis Angermünde und schließlich am 15. August 1843 auf der gesamten 134km langen Strecke bis Stettin den Betrieb aufnahm. Bei jedem neu eröffneten Teilstück der Eisenbahn ging sofort der Posttransport von der Straße auf die Schiene über und noch im Jahre 1842 wurde die Fahrpost, das war die Postkutschverbindung, von Angermünde nach Berlin eingestellt. Die Post des Umlandes, also auch von und nach Schwedt wurde jetzt in Angermünde zunächst in/aus Richtung Berlin, dann auch nach Stettin nur noch mit der Eisenbahn befördert. Dafür erlangte bis zur Eröffnung der Berlin-Stralsunder Eisenbahnlinie im Jahre 1863 die Bahnstation in Passow große Bedeutung für den Umschlag der Post von der Bahn auf die Straßen in Richtung des Ostseeraumes. Noch heute kündet davon das für einen so kleinen Ort ungewöhnlich große Bahnhofsgebäude. Mussten hier doch damals täglich große Mengen Gepäck umgeladen und den zahlreichen Reisenden gebührende Warteräume geboten werden.
Die Postsendungen kamen nach den Bestimmungsorten getrennt, in verplombten Briefbeuteln und Postsäcken zum Versand und wurden von den mitfahrenden Postkondukteuren an den Haltestellen mit den betreffenden Unterwegsposten ausgetauscht. Erhaltene Briefe jener Zeit belegen die damaligen Beförderungswege.
Die preußische Post erkannte schnell, das die Fahrzeit der Züge gut zur Umarbeitung der Posten genutzt werden konnte und stellte nach mehreren Versuchen mit kutschenähnlichen zweiachsigen Post-Güterwagen ab 1849 spezielle Eisenbahn-Postwagen in Dienst und führte die fahrenden Post-Speditions-Bureaus ein. 

Modell eines dreiachsigen preußischen Bahnpostwagens mit Innenansichten des Briefabteils, von dem im Jahre 1859 bereits 173 Stück im Einsatz waren.

Mit euphorisch Worten beschrieb der spätere Generalpostmeister Heinrich von Stephan dieses neue Transportmittel: „Die Eisenbahn-Postwagen bergen in ihrem Innern ein ganzes Postamt mit Expeditions-Bureau, Flur, Packkammer, Tischen, Spinden, Repositorien, Lagerstätten, Heiz- und Erleuchtungs-Apparaten, und allen zum Postbetriebe erforderlichen Zurüstungsgegenständen, so daß ein Personal bis zu sechs, und im Nothfalle mehr Beamten und Unterbeamten, während die schnellsten Courierzüge Berge und Wälder durchsausen, in diesem fliegenden Postbureau Tausende und aber Tausende von Briefen, Schriften, Zeitungen und anderen Post-gegenständen expediren, und den Transport zahlreicher Packet- und Geldsendungen dergestalt regeln kann, daß ihre Beförderung mit der Schnelligkeit des Eisenbahn-ganges völlig gleichen Schritt hält, ein Vorzug der Preußischen Post, den Jeder gern anerkennen wird ...“
Als leitende Dienststellen für die fahrenden Posten wurden 1849 stationäre Post-Speditions-Ämter (PSÄ) eingerichtet, die dann 1856 in Eisenbahn-Post-Ämter (EPA) umbenannt wurden. Für die von Berlin abgehenden Kurse waren das die EPA 1-4 am Potsdamer, Anhalter, Stettiner und Schlesischen Bahnhof.
Diesen nicht dem Publikumsverkehr dienenden Ämtern waren Zweigpostämter unterstellt, die ebenso wie die in Bahnhofsnähe großer Orte und an bedeutenden Knotenpunkte errichteten Postämter die Annahme und Auslieferung von Briefen und Paketen erledigten und dafür Orts-Stempel führten. Solche Stempel tragen in der Regel neben dem Ortsnamen die zusätzliche Inschrift “Bahnhof“. 

Das Bahnpostamt am Stettiner Bahnhof, dem Ausgangs-punkt der Berlin-Stettiner Eisenbahn, wurde 1842 als “Stadtpost-Expedition IV“ gegründet und erhielt als eines der ersten 1844 einen Bahnhofsstempel, den dreizeiligen Lang-Stempel: ST. BAHNHOF BERLIN

Von Januar 1849 bis August 1850 gab es den Zweikreis-Stempel mit Orts- und Bahnhofs-Bezeichnung sowie Expeditions-Nummern 1-6:
BERLIN STETTIN. BAHNH. EXP. Nº5

Zwischen 1851 und 1862 war ein dreizeiliger Rahmen-Stempel mit Orts- und Bahnhofs-Bezeichnung und einer Datumszeile ohne der Jahreszahl in 5 Ausführungen im Einsatz:
BERLIN STETTINER BAHNHOF
Ab 1862 war ein neuer dreizeiliger Rahmen-Stempel mit Jahreszahl im Datum in Gebrauch:
BERLIN.POST-EXP. 4 STETTINER BAHNHOF

1872 wurde ein Einkreis-Stempel mit dem Bahnhofsnamen eingeführt:
BERLIN (STETTINER BHF:)

Ausgangspunkt der Berlin–Stettiner, später auch der Berlin–Stralsunder Eisenbahn war der Stettiner Bahnhof in Berlin.

Der alte Stettiner Bahnhof

Der zweite Stettiner Bahnhof um 1920

Der zweite, 1876 eröffnete Bahnhof, hatte den Krieg verhältnismäßig gut überstanden und wurde von der Deutschen Reichsbahn der DDR am 1.12.1950 in Nordbahnhof umbenannt. Weil er im Grenzgebiet zu West-Berlin lag, gab es auf ihm schon seit 1952 keinen Personenverkehr mehr und wurde schließlich 1965 abgerissen.

Mit einer Verfügung des Generalpostamtes vom 20.12.1850 führte Preußen ab 1851 Eisenbahn-Cours-Stempel ein, die den Anfangs- und Endpunkt des zu fahrenden Kurses, das Datum und spezielle Angaben zum Kurs enthielten. Diese, auch Durch-gangs- oder Streckenstempel genannten Stempel führten die fahrenden Eisenbahn-Postbureaus mit und druckten ihn auf die Rückseite eines jeden bearbeiteten Briefes. Nur Briefe mit diesen Kursstempeln bzw. bei Nichtvorhandensein eines solchen mit einem handschriftlichen Vermerk versehene, sind “Bahnpost-Briefe“! 

Bahnpostbrief, der in Angermünde dem fahrenden Eisenbahnpostbüro des Zuges aus Bromberg nach Berlin übergeben und dort bearbeitet wurde.

rückseitiger Kursstempel BROMBERG BERLIN

Obwohl alle Fern-Postsendungen mit der Bahn transportiert und in Bahnpostwagen umspediert wurden, sind sie also keine Bahnpostbriefe, denn deren Bearbeitung erfolgte bei den Postanstalten, wo sie in üblicher Weise den Aufgabestempel auf die Frankatur bekamen und von dort gebündelt dem Bahnpostwagen zugeleitet wurden.
Die bearbeitenden Postbeamten in den fahrenden Eisenbahnpostbüros der Bahnpostwagen mussten sofort nach der Einlieferung eines Briefes neben dem Kursstempel auch den Aufgabeort anbringen, wenn dieser nicht z.B. durch einen Absenderstempel deutlich zu erkennen war. Das erfolgte handschriftlich und kostete bei großen Einlieferungen viel Zeit. 


 
 
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