Ein baukünstlerisches Juwel aus mehreren Jahrhunderten: Das Schloss in Schwedt an der Oder - Schwedter Briefmarkensammler-Verein

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Ein baukünstlerisches Juwel aus mehreren Jahrhunderten: Das Schloss in Schwedt an der Oder

Heft 38

- von Dr. Guido Hinterkeuser, Berlin

Eines der bedeutendsten und schönsten Hohenzollern-Schlösser befand sich bis zu seiner Zerstörung 1945/1962 in Schwedt an der Oder. Mittelpunkt einer kleinen Residenzstadt, ging es über die üblichen Landschlösser in Brandenburg-Preußen hinaus und reichte in seinen Ausmaßen und in der Vielgestaltigkeit seiner Inneneinrichtungen aus verschiedenen Jahrhunderten fast an Schloss Charlottenburg und das Potsdamer Stadtschloss heran. Umgekehrt hat sein Untergang den Charakter Schwedts tiefgreifend verändert, das heute nur noch beiläufig erahnen lässt, dass es einst als das „Potsdam der Uckermark“ galt. 

Im Kern des Schlosses, wie es die Fotografien überliefern, steckte immer noch das ab 1553 unter den Grafen von Hohnstein errichtete Renaissanceschloss, das selbst wiederum auf eine Burg zurückging, die wohl bereits im 13. Jahrhundert bestand. Matthäus Merian hat uns 1652 eine repräsentative Ansicht des Renaissancebaus überliefert, wohl ein bisschen geschönt, denn nach dem Dreißigjährigen Krieg soll sich der Bau in keinem guten Zustand befunden haben und musste erst mühsam wiederhergestellt werden.


Die barocke Baugeschichte des Schlosses wie überhaupt der Aufstieg Schwedts beginnen 1670, als Kurfürstin Dorothea (1636–1689), die zweite Gemahlin des Großen Kurfürsten, die verpfändete Schwedter Herrschaft erwirbt und sich sofort zu einem Wiederaufbau des seit dem Dreißigjährigen Kriegs stark vernachlässigten Schlosses entschließt. Zu diesem Zweck schließt sie im Oktober 1670 einen Vertrag mit dem niederländischen Architekten Cornelis Ryckwaert, der zuvor bereits durch die Neugestaltung von Schloss Sonnenburg auf sich aufmerksam gemacht hatte. Musste er in Sonnenburg noch die Pläne seines Lehrmeisters Pieter Post umsetzen, so konnte er in Schwedt erstmals eigene Ideen realisieren. Er brachte neue Ideen und Formen in diese entlegene Gegend, was den Bestrebungen des Großen Kurfürsten, sein Land tiefgreifend zu modernisieren, entgegenkam.

Soweit es mit seinem modernen Entwurf vereinbar war, verwendete Ryckwaert das Kellergeschoss, Teile der Außenmauern und die oderseitigen Ecktürme des alten Renaissancebaus, um sie in den Neubau zu integrieren. Allein der Kernbereich aus Treppenhaus und Großem Saal wurde als kompletter Neubau in die vorhandene Struktur eingebrochen und trat nach außen hin in Mittelrisaliten hervor. 1679/1680 begannen die Ausstattungsarbeiten im Inneren. Oberitalienische oder Graubündner Stuckateure, überliefert ist die Tätigkeit von Jouan Belon, der auch am Junkerhaus in Frankfurt/Oder belegt ist, schufen charakteristische Stuckdecken, wie sie just in dieser Zeit in zahlreichen anderen kurfürstlichen Bauten realisiert wurden. 

1688 waren die Bauarbeiten vollendet, der stattliche Bau präsentierte sich nun mit zwei Eckrisaliten zur Hofseite, je einem Mittelrisalit zur Hof- und Gartenseite sowie den beiden charakteristischen runden Ecktürmen an der Gartenfront, die noch vom Altbau stammten. In seinem Anspruch konnte er sich mit der Residenz des Kurprinzen in Köpenick messen, die in derselben Zeit ihrer Vollendung entgegenging, oder den Schlössern in Zerbst und Oranienbaum, mit denen Ryckwaert zwischenzeitlich aufgrund seiner gewachsenen Reputation ebenfalls beauftragt worden war. 1689 starb die Kurfürstin, ihr folgte ihr ältester Sohn Philipp Wilhelm, für den und dessen Nachkommen sie überhaupt die Anstrengungen auf sich genommen hatte, die mit Sonderrechten ausgestattete Herrschaft Schwedt-Wildenbruch, die als eigenständige Nebenlinie der Hohenzollern bestand, einzurichten. 

Markgraf Philipp Wilhelm (1669–1711), umfassend gebildet und insbesondere im Fach der Baukunst bewandert, so dass er beispielsweise den Bau des Zeughauses in Berlin dirigierte, nahm das Vermächtnis seiner Mutter an und baute auch am Schwedter Schloss weiter. Die Konzeption einer Dreiflügelanlage geht auf ihn zurück, ja er lieferte sogar detaillierte Baupläne. Von 1701 bis 1704 entstand der sogenannte Alte Flügel, der nördliche Seitenflügel, mit einem Turmpavillon als Abschluss. Dabei korrespondierte der von einer Haube und Laterne bekrönte Turm nicht nur mit den Ecktürmen auf der Gartenseite, sondern kann auch als Widerhall des gleichzeitig am Potsdamer Stadtschloss errichteten Fortunaportals gedeutet werden. 



Ebenfalls am Potsdamer Vorbild orientierte sich die Rampe entlang der Gartenfront, die bis ins erste Obergeschoss hinauf führte. Deren Vollendung 1714 fiel bereits in die Regentschaft von Philipp Wilhelms Sohn Friedrich Wilhelm (1700–1771), des sogenannten Tollen Markgrafen. Ebenfalls 1714 ist das Hofgitter datiert, das somit der Ausführung des südlichen Seitenflügels voranging, der erst zwischen 1719 und 1724 errichtet wurde, äußerlich in Anlehnung an den älteren nördlichen Flügel und im Inneren, insbesondere was die 1733 eingeweihte Schlosskapelle im Turmpavillon anbelangt, nach Plänen der Berliner Architekten Martin Böhme und Friedrich Wilhelm Diterichs. Auch das Äußere des Corps de Logis wurde damals modernisiert, empfand man doch die karge und schlichte Gestaltung des Niederländers Ryckwaert inzwischen als unzeitgemäß. Insbesondere wurden die Mittelrisalite durch ionische Pilaster gegliedert und deren strenge Dreiecksgiebel durch figurenbekrönte Balustraden ersetzt, die Fenster des Festsaals wurden in Rundbogen geöffnet. Im Inneren hielt unter seiner Ägide in einigen Räumen das friederizianische Rokoko Einzug. Damit war das Schloss weitgehend vollendet, denn sein nach ihm regierender Bruder Friedrich Heinrich (1709–1788), nach dessen Tod 1788 die Schwedter Herrschaft an die Hauptlinie in Berlin fiel, führte hier keine nennenswerten Änderungen durch.

1794/1795 erlebte das Schloss nochmals eine kurze Blüte, als es König Friedrich Wilhelm II. an seinen Sohn Louis verschenkte, der als Chef des 1. Dragoner Regiments in Schwedt stationiert war. Der Prinz entfaltete dabei eine kleine Hofhaltung und lies sechs Räume durch den genialen Architekten Friedrich Gilly, den Lehrer Schinkels, mit einfachen Mitteln und dennoch ganz wesentlich umgestalten. Seiden- oder Papiertapeten vermittelten sie ein völlig neuartiges Lebensgefühl, dies zeigen und belegen insbesondere die Farbdiapositive der Rosenlaube und des Chinesischen Kabinetts, die sich im ersten Stock in den ehemaligen Wohnräumen der Markgräfin befanden. Damals waren Tapeten dieser Art noch völlig neu in Brandenburg-Preußen, bald darauf sollten sie auch Einzug in die Schlösser von Paretz und Freienwalde halten. Doch bereits 1796 verstarb Louis und das Schloss versank in einem sprichwörtlichen Dornröschenschlaf.

Raumaquarell des Schwedter Malers Fritz Merwart aus dem Besitz des Schwedter Stadtmuseums

Die von Friedrich Gilly entworfene "Rosenlaube" (1943/45 aufgenommenes Farbdia aus dem Zentralinstitut für Kunstgeschichte in München)

Genau 1896 erfolgte noch ein historisierender Rückbau, der in Anlehnung an die ursprüngliche Lösung Ryckwaerts die Dreiecksgiebel über den Mittelrisaliten wiederherstellte. In diesem Zustand befand sich das Schloss bis zu seiner Zerstörung 1945 und seinem endgültigen Abriss im Herbst 1962. Von einstigem Anspruch und Größe der Schwedter Architektur zeugt heute vor allem das Schloss in Wildenbruch (Swobnica) auf der anderen Seite der Oder, das seinerzeit ebenfalls auf Initiative der Kurfürstin Dorothea von Ryckwaert umgebaut worden war, später jedoch, anders als das Schloss in Schwedt, keine weiteren nennenswerten Umformungen mehr erfuhr.




Zu Beginn der 1950er Jahre hatte man begonnen, die Ruine zu beräumen, zu sichern und den linken Seitenflügel wieder aufzubauen.


Anmerkung des Herausgebers:

Am 13. Juli 1962 weilte Walter Ulbricht, damals Vorsitzende des Staatsrates der DDR, mit dem 1. Sekretär der Bezirksleitung Frankfurt (Oder) der SED zu einem Besuch der Großbaustelle des Erdölverarbeitungswerkes in Schwedt und besichtigte auch die Stadt mit den ersten Neubaublocks. Dabei soll er gesagt haben: 

“Wenn wir schon Mauern brauchen, dann aber keine Schlossmauern!“


Wenig später, am 17. Juli 1962 tagte die Bezirksleitung der SED in Schwedt.

Am 14./15. Oktober 1962 erfolgte in zwei Etappen die Sprengung und sofortige Beseiti-gung des Schuttes, der zum großen Teil als Uferbefestigung in den Kanal geschüttet wurde. Noch bis etwa 1969 waren Fundamente und Teile der Rampe vorhanden, die als Boden für eine provisorische Freilichtbühne und Behausungen für einen kleinen Heimatzoo dienten. Auch stand so lange noch ein ehemaliges Kavalierhaus, in dem eine Station Junger Naturforscher beheimatet war.



Seit 1978 steht nun anstelle des alten Markgrafen-Schlosses das ursprünglich als “Kulturhaus” bezeichnete Theater der Uckermärkischen Bühnen, dessen kahler Bühnenturm seit diesem Jahr toll bemalt ist und jetzt die Besucher auch von außen anspricht – und das wieder aufgestellte Schlossgitter gefällt sicher auch den ewigen Nörglern. 


 
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