Bemerkungen zur Ausgabe von Bezirkshandstempel-Marken - Schwedter Briefmarkensammler-Verein

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Bemerkungen zur Ausgabe von Bezirkshandstempel-Marken

Heft 39

- von Wolfgang Ehrhardt

Weil nach neuesten Erkenntnissen der Prüfergilde seit einiger Zeit von den Marken mit dem Aufdruck des Bezirkshandstempels “36 Schwedt (Oder)“ nur noch die 12- und 24-Pfennig-Werte mit violettem Aufdruck geprüft werden, möchte ich einige Gedanken zur Diskussion stellen.
Seit den neunzehnhundertsechziger Jahren beschäftige ich mich mit der Postgeschichte von Schwedt und bin seitdem auch den Bezirkshandstempelmarken auf der Spur.

Meine erste Information zu Schwedter Bezirkshandstempel fand ich auf einer GS-Postkarte, die der damals  bekannte Sammler und Mitbegründer des “Instituts für Philatelie“  in Cottbus Dr. Gewande einem Schwedter Sammler schrieb :

(Der falsch geschriebene Name  Hasemann statt Nesemann liegt vermutlich an einem Lesefehler)

“... auf Empfehlung Herrn Reglers“ (dem damaligen Leiter der AG Philatelie Schwedt) schrieb Herrn Nesemann: “ich bearbeite zur Drucklegung die Bez. Stempelmarken und habe hierzu die Sammlung des Postmuseums als Unterlage. Dort fehlt aber Schwedt gänzlich! Könnten Sie es wohl möglich machen, mir einen solchen Satz zu beschaffen? Ich höre, dass es alle 16 Werte der Kontrollratsserie gegeben hat...“

Damit war meine Neugier geweckt und ich ging als erstes zur Post, um mich zu informieren. Der damalige Leiter, Postrat Breyer, suchte bereitwillig in einem alten Aktenordner und legte mir dann eine Abrechnungsliste über verkaufte Marken mit dem Handstempelaufdruck vor, die ich (an ein Kopieren war noch nicht zu denken) abschreiben durfte: 

Wert (Pfg.)

verkaufte Stückzahl

Preis (DM)

Wert (Pfg.)

verkaufte Stückzahl

Preis (DM)

Wert (Pfg.)

verkaufte Stückzahl

Preis (DM)

2

50

1,00

16

50

8,00

50

50

25,00

6

100

6,00

20

100

20,00

60

200

120,00

8

50

4,00

24

300

72,00

80

200

160,00

10

100

10,00

25

50

12,50

84

50

42,00

12

300

36,00

30

50

15,00

10-PK

50

5,00

15

50

7,50

40

50

20,00

12-PK

100

12,00


5


50


2,50


Ergänzungswert

Ein Unterschied, ob violett oder schwarz gestempelt, war nicht angegeben. und bei dem Ergänzungswert handelt es sich sicher um die 5-Pf-Marke der 1. Kontrollratsserieausgabe. 

Nach der Wiederaufnahme des Postbetriebes gab es bis Mai 1946 nur violette Stempelfarbe, die gelegentlich bis in die 50er Jahre immer mal wieder und eben auch zur Herstellung der Handstempel-Provisorien Verwendung fand. Im Laufe der vielen Jahre konnte ich durch Tausch- und Kaufanzeigen, vor allem aber über die verschiedensten Auktionen insgesamt 28 postfrische und drei lose gestempelte Marken erwerben. 

Nur zwei davon, ein 20- und ein 30-Pf-Wert, haben einen violetten Bezirksstempelaufdruck – und sind altgeprüft.








9 Werte (zu 2, 12, 2x20, 2x24, 30, 40 und 80 Pf.) mit schwarzem Handstempel-Aufdruck sind auch altgeprüft.
Die beiden von verschiedenen Auktionen erworbenen 24-Pf-Werte waren sicher mal ein Paar.

Vergleicht man nun die in den vergangenen Jahren erschienenen Veröffentlichungen, so stellt man gravierende Unterschiede fest, die nicht immer nachvollziehbar sind.

Wenn heute gesagt wird, Schwedt sei ja von Angermünde mit Marken beliefert worden, hat das seine Berechtigung. Trotzdem ist schon durch das an alle Postämter gesandte KS-Telegramm vom 23.6.48 eigentlich logisch, dass hier auch vorhandene Marken überstempelt wurden. Und gerade weil Schwedt dem PFA Angermünde unterstand, war der Markenbestand begrenzt, weshalb nur 50 Sätze komplett plus vorrätige gängige Werte überstempelt werden konnten. Der restliche Bedarf wurde dann aus Angermünde geliefert

Die von einem Autorenkollektiv unter Leitung von Dr. Fritz Modry und Werner Fläschen-dräger bearbeitete 2. Auflage von 1977 zählt Schwedt zu den 261 Postämtern aus 175 Orten der OPD Potsdam, die mit dem Bezirksstempel 36 die folgend aufgeführten Marken über-druckte:
                in schwarzer Farbe    2, 6, 12, 20, 24, 25, 40, 50, 80
                in violetter Farbe:       6, 12, 20, 24, 30, 40, 50, 60, 80, 60I, 
                                                   GS 10, 12

Den Autoren scheint dabei obige Abrechnungsliste bekannt gewesen zu sein, denn die Angaben darin sind (fast) identisch.


Noch 1987 teilte mir der damalige Leiter des “Arbeitskreises Bezirkshandstempel-Marken im Philatelistenverband der DDR“, Sammlerfreund Günther Bauer aus Berlin, auf meine Anfrage die neuesten Erkenntnisse mit, wonach in Schwedt folgende Werte überdruckt wurden:
mit schwarzer Farbe:  2, 6, 12, 20, 24, 25, 30, 40, 50, 80
mit violetter Farbe:     6, 12, 15, 20, 24,25,30, 30. 50, 60I, 
dazu die Ganzsachen zu 10 und 12 Pfennig 
Er fügte noch an: “Fälschungen, echte Stempel unkorrekt benutzt, sind auch bekannt.“ (Der Brief liegt noch im Original vor)

Wie kommt es nun, dass die Marken aus Schwedt, bis auf die 12 und 24 Pf, nicht mehr anerkannt werden? 
Der 1. Vorsitzende der Arge “Bezirksstempelaufdrucke SBZ 1948 e.V.“ Lutz Maigatter beant-wortete eine Anfrage unseres langjährigen Vereinsmitglieds Siegfried Grempe am 14.2.99 so:
“... muß ich die angeführten Wertstufen zu 12 und 24 Pfg auch noch mit einem Fragezeichen versehen. Fakt ist, dass es in Schwedt nicht mit rechten Dingen zuging, dass es einen Sammler gab, der sich die Marken selbst zu schickte an die Stadthauptkasse Schwedt, er muß also dort eine führende Position innegehabt haben, Absender ist immer unkenntlich gemacht worden. Paketkartenabschnitte aus Schwedt kenne ich nur mit Angermünde-Aufdrucken.“
Einmal ganz abgesehen vom Stil, ist das ein Beispiel, wie man im kleinen Kreis vom grünen Tisch aus Entscheidungen trifft, ohne sich der Mühe zu unterziehen, vor Ort Hintergrund-informationen einzuholen.
Bei dem erwähnten Sammler handelt es sich um Georg Regler, den Gründer der ersten Sammlergruppe nach dem Kriege und später langjährigen Vorsitzenden der AG Philatelie im Kulturbund. Als Angestellter der Stadtverwaltung war er Chef der Stadthauptkasse. Er und sein Sammlerfreund Eberhard Nesemann, ein Versicherungsvertreter, waren die Einzigen, die sich überhaupt für Belege interessierten und glücklicherweise solche anfertigten – und es sich finanziell auch leisten konnten, für das neue Geld Sammlermarken zu kaufen. Vergleicht man die Situation mit heute, zeigt es sich, dass bei einer weit größeren Zahl aktiver Sammler sich nur ganz wenige für aktuelle Bedarfspost interessieren – wie viele können wohl philatelistisch die Wendezeit belegen oder haben sich ganz aktuell vom 3-Pf-Ergänzungswert Belege beschafft? 
Ich finde es jedenfalls toll, dass es die Regler- und Nesemann-Briefe gibt, denn diese sind ausschließlich in Sammlerhände gelangt, und deshalb auch erhalten. Die übrigen Marken sind meist postfrisch in die Alben gewandert oder bedarfsmäßig verwendet oft achtlos vernichtet worden. Als Heimatsammler weis ich, wie schwer es ist, selbst “ganz normale“ Belege jener Zeit zu finden, erst recht solche der Währungsreform von 1948.


Hier ein “Regler“-Brief aus Schwedt an die Stadthauptkasse mit einer Angermünder Handstempelmarke


und ein echter Bedarfsbrief mit einer Angermünder Marke aus Schwedt



Um das Einschreiben der 2. Gewichtsstufe korrekt mit 1,08 DM frankieren zu können, musste neben den beiden Schwedter Marken eine 8-Pf-Marke aus Angermünde dazu geklebt werden. Auffallend sind die vom BBP - Prüfer Ballschmidt attestierten Werte zu 20 und 80 Pf mit violettem Aufdruck “36 Schwedt“.



Dieser Brief eines Angermünder Sammlers mit der schönen Mischfrankatur einer Handstempelmark + Zehnfachfrankatur + SBZ- Maschinenaufdruck für das Einschreiben, der eine violett gestempelte 30-Pf-Marke aus Schwedt trägt. (altgeprüft)



Diese Briefe konnte ich erst kürzlich erwerben, was ein Beweis dafür sein kann, dass jetzt  allmählich immer mehr auf den Markt kommt.  
Ähnlich selten sind die Ganzsachen zu finden.

Altgeprüfte 10-Pf-Karte mit violettem Stempelaufdruck


Mir hat bisher noch kein Beleg mit einer schwarz überstempelten Marke vorgelegen und kann deshalb die diesbezüglichen Zweifel nachvollziehen. Besonders wegen des Hinweises, dass es unkorrekt benutzte echte Stempelverwendungen geben soll – und ich das Corpus delicti, den Original-Bezirksstempel gesehen und fotografiert habe! Der letzte DDR-Leiter des Postamtes, Hermann Fritsch, der von Philatelie nur so viel wusste, als dass es Briefmarkensammler gibt, unterstützte mein Bemühen, die örtliche Postgeschichte zu erforschen und ließ mich erhaltene Unterlagen betrachten. Wie schon erwähnt, war es leider nicht möglich, irgend etwas zu kopieren und ich konnte nur einige laienhafte Fotos machen, darunter auch 1989 noch vorhandene Stempel. 
Es übersteigt zwar meine Vorstellungskraft, dass ein Postbeamter sich dazu verleiten lässt, mit einem alten Stempelgerät, das eigentlich abzuliefern war, noch nachträgliche Falsifikate zu produzieren – aber es wird so gewesen sein!







Vergleicht man einen Blankoabdruck des Bezirksstempels, wie er vor der Währungsreform auf einer Zahlkarte zu finden war, mit vorliegenden  überdruckten Marken, ist eine fast optimale Übereinstimmung festzustellen: 
Am auffälligsten ist eine allgemeine Abnutzung (lückenhafte Typen)  die im Laufe der Nutzung mit Sicherheit weiter fortschritt, wodurch verkürzte und schräg stehende Typen mit unterschiedlich großen Lücken entstanden.

Diese Marken halte ich aus vorgenannten Gründen für falsch, habe sie aber trotzdem zur Dokumentation erworben und weil sie gegenwärtig ohnehin nicht geprüft werden, auch noch keinem Prüfer vorgelegt.
Um eindeutige Fälschungen handelt es sich bei diesen Überdrucken mit den tiefschwarzen, stark vom Original abweichenden Stempeln:


Da die Bezirkshandstempelmarken seit jeher gesucht und damit fälschungsgefährdet sind, gibt es davon viel Falsches, was gerade in jüngster Zeit häufig über ebay angeboten wir.

Nachsatz: Nach der Privatisierung der Deutschen Post und der Einrichtung der Centerfiliale ist nach Aussagen aller befragten Postmitarbeiter sämtliches bis dahin erhaltene Inventar, wie das Posthorn mit dem Lederhut des letzten Postillions, die Chronik und auch alle Stempel verschollen.


 
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