Die Post im Zeitalter der Eisenbahn (5) - Die Eisenbahn in Schwedt - Schwedter Briefmarkensammler-Verein

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Die Post im Zeitalter der Eisenbahn (5) - Die Eisenbahn in Schwedt

Heft 41

- von Wolfgang Ehrhardt

Am 26. April 1945 nahmen Einheiten der 1. Belorussischen Front Schwedt ein. Die Stadt war zu 85%  zerstört. Sämtliche öffentliche Einrichtungen wie beide Rathäuser, Post und Schulen waren zerrstört. Es gab kein Gas, kein Trinkwasser und keinen elektrischen Strom mehr und es fuhr auch kein Zug mehr nach Angermünde. Beim Einmarsch der Roten Armee waren lediglich 26 alte und kranke Einwohner zurückgeblieben; die übrigen waren ab Januar evakuiert worden oder in den letzten Kriegstagen geflüchtet. Ein Zeitzeuge schrieb: “Es scheint, als ob die Lebensuhr von Schwedt, einst als die “Perle der Uckermark“ gerühmt, für immer aufgehört hat zu schlagen“.
Doch bald nach Ende der Kampfhandlungen kamen die ersten Flüchtlinge zurück. Aber auch Soldaten, Kriegsgefangene und tausende Heimatvertriebene aus den deutschen Ostgebieten bevölkerten die Stadt, in der es an Allem mangelte. Schon am 30. Juni wurden 3.909 und Ende Dezember bereits 5.299 Männer, Frauen und Kinder gezählt. Da Schwedt jetzt eine Grenzstadt ohne Hinterland geworden war, wurde eine Verkehrsverbindung in Richtung Angermünde immer dringlicher.
Zunächst wurde im Juli ein Postverkehr zur Nachbarstadt aufgenommen, indem zwei Boten zu Fuß von beiden Orten aus täglich rund 25 km liefen und sich auf halben Wege in Flemsdorf trafen, wo sie ihre Briefbeutel austauschten.
Mit dem Befehl Nr. 8 vom 11.8.1945 übergab am 1. September der Befehlshaber des Militärtransportwesens der sowjetischen Besatzungstruppen und der SMAD den Eisen-bahnbetrieb in ihrer  Besatzungszone (SBZ) wieder der Deutschen Reichsbahn. Endlich konnte am 1. Novmber 1945 der Zugverkehr wieder aufgenommen werden und täglich kam ein Zug in Schwedt an, der 14 Uhr wieder abfuhr. Als Bahnhof diente eine ehemaligen Wehrmachts-baracke mit der Aufschrift “Schwedt – Endstation - alles aussteigen!“ Der alte Bahnhof hatte zwar den Krieg überdauert, fiel aber im Sommer 1945 einer Brandstiftung zum Opfer. Nach Aussagen von Zeitzeugen durch polnische   Kriegsgefangene, was aber nie aufgeklärt wurde und in der DDR ein Tabu  war. 
Der  Winterfahrplan von 1946 für die SBZ führte den Kurs Angermünde-Schwedt unter der Nummer 122 h und wies täglich wieder 4 Zugpaare auf.
Mit der Aufnahme des Zugbetriebs nach Angermünde nutzte auch die Post mangels anderer Möglichkeiten sogleich die Eisenbahn als Transportmittel und konnte nun auch wieder Pakete versenden. Wie in den Anfangszeiten wurden die Postsäcke mit einem Handkarren zwischen dem Postamt und der Bahn transportiert. Ab 24.9.1967 übernahm dann die neu in Gang gekommene Kraftpost auch den Posttransport wieder.
Bis 1950 war die Einwohnerzahl auf rund 6.500 angestiegen und die Stadt weitgehend von Trümmern und Ruinen beräumt. 1951 fuhren zwischen Angermünde und Schwedt werktags 4 (5) und sonntags 3 (2) Züge, wobei sonntags zwei zusätzliche Zugpaare zwischen Angermünde und Pinnow, wo ein Heimkehrer-Lager für Kriegsgefangene bestand, eingelegt waren. Der Güterverkehr beschränkte sich auf saisonbedingte landwirtschaftliche Erzeugnisse. Das änderte sich Ende der 1950er Jahre schlagartig, als Schwedt zu einem wichtigen Industriestandort ausgebaut wurde und die Papierfabrik und das Erdölverarbeitungswerk (EVW) entstanden. Damit wurde die Bahnstrecke stark beansprucht, musste sie doch den gesamten Güter- und einen Großteil des Berufsverkehrs bewältigen. 
Doch vorerst wurde nur der Unterbau stabilisiert, einige Bahnübergänge erhielten Haltelicht-Anlagen und vom Bahnhof Schwedt wurden Anschlussgleise in beide Betriebe gelegt. Im EVW wurde ein eigener Bahnbetrieb mit 200 Beschäftigten gegründet, der ab 16.3.1961 auch den Berufsverkehr vom Schwedter Bahnhof und dem Wohnlager zur Baustelle übernahm. Der Zustrom von Bau- u. Montagearbeitern und Fachpersonal für die Petrolchemie und die Papierfabrik führte zu einer starken Zunahme des Reiseverkehrs. Darum wurde mit dem Sommerfahrplan 1960 die Zugfolge verdichtet  und zusätzlich ein Eilzug von Schwedt über Angermünde, Bad Freienwalde nach Frankfurt, später sogar bis nach Dresden, eingesetzt.
Am 18.12.1963 war der Rangier- und Verladebahnhof Stendell in Betrieb, womit die Bahnanlagen des Erdölwerkes bei Passow an die Berlin-Stettiner Eisenbahnstrecke angebunden wurden. Damit konnte die Großbaustelle nun von zwei Seiten aus befahren werden.       
Nach einer “Rekonstruktion“ des Schwedter Bahnhofs 1972 mit dem Bau einer neuen Mitropa-Gaststätte, einer Bahnsteigüberdachung und der Gestaltung des Bahnhofsvorplatzes dauerte es noch, bis am 25.2.1975, ein neues massives Empfangsgebäude mit Fahrkartenverkauf, Gepäckannahme, Auskunftsservice, Bahnhofsräumen für Vor-steher und die Mitropa in Betrieb genommen werden konnte. Damit hatte endlich auch die alte Wehrmachtbaracke ausgedient.
Mit dem weiteren Ausbau der Stadt wurde 1976 der Haltepunkt Schwedt-West einge-richtet. Der Bahnhof Stendell war inzwischen der größte Güterumschlagplatz im Norden der DDR geworden, den täglich 21 Züge (1270 Waggons) mit ca. 22 000 t Produkten das jetzt zum Petrolchemischen Kombinat (PCK) gewordenen Erdölwerkes verließen.
Bis 1987 waren Dampflokomotiven (der Baureihe 52) auf der Strecke nach Schwedt im Einsatz, die dann durch Dieselloks (der Baureihen 106, 110 und 120) abgelöst wurden. 
Die Zeit nach der deutschen Wiedervereinigung brachte auch für den Bahnbetrieb in unserer Region einschneidende Veränderungen. So wurden wegen geringer Nachfrage mehrere Stationen eingestellt. In Schwedt wurde der Haltepunkt West geschlossen und durch den zentraler gelegenen Bahnhof Schwedt-Mitte  ersetzt.
Seit 1996 fährt die Regional-Express-Linie RE 3 durchgehend nach Berlin. 2004 wurde  auch die Strecke von Angermünde nach Schwedt (für 7,4 Millionen Euro) elektrifiziert. Die Strecke ist jetzt für eine Höchstgeschwindigkeit von 80 km/h ausgelegt.  

Literatur:

  • Die Eisenbahn Angermünde-Schwedt von Dr. H. Regling und E. Morlok

  • Lose-Blattsammlung der Heimatmuseums der Stadt Schwedt




 
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