Die optische Telegrafie in Preußen - Schwedter Briefmarkensammler-Verein

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Die optische Telegrafie in Preußen

Heft 42

- von Wolfgang Ehrhard

Im Dezember 1830 wandte sich der Geheime Postrat Dr. Carl Philipp Heinrich Pistor mit einer Denkschrift über “Die Anlegung telegraphischer Linien innerhalb der Königlichen Staaten“ an den Minister für Auswärtige Angelegenheiten und an den König direkt. Darin heißt es unter anderem, dass besonders in den volks- und gewerbereichsten Rhein-
Provinzen das Bedürfnis einer raschen Communikation nach der Hauptstadt bestehe, andererseits das dortige Leben es erfordere, rasch einzugreifen, wie alle Regierungen es müssen. 

Pistor schlug eine von ihm verbesserte Bauart des in England eingesetzten Telegrafen mit mehreren untereinander angebrachten Flügelpaaren vor. Fast zeitgleich schrieb der Obergeometer Wagner aus Bonn, dass nach der Errichtung eines General-Gouvernements in Coeln “insbesondere unter den gegenwärtigen Zeitumständen, eine telegrafische Verbindung zwischen Coeln und Berlin von wesentlichem Nutzen seyn könne“. Er schlug vor, mit Laternen eine solche Telegrafenlinie zu bauen, die gegen 3.000 Thaler und der tägliche Dienst beiläufig 25 Thaler erfordern würde und bat gehorsamst, seinen Vorschlag höheren Ortes zu unterbreiten. Der Minister des Inneren für Handels- und Gewerbeangelegenheiten antwortete, dass er dafür “weder allein die Erlaubnis, noch Kapitalien, oder wohl gar eine Anstellung gewähren“ könne und empfahl, sich an den Herrn Kriegs-Minister oder den General-Postmeister zu wenden. Immerhin antwortete am 17. Juni 1831 der General-Postmeister von Nagler. Er teilte mit, dass er gerade zur näheren Erkundung einer möglichen Verbindung von der französischen Telegraphenlinie von Paris nach Berlin aus Lille (dem Endpunkt einer franz. Linie) zurück sei. “Das hat ergeben, daß hier von vielen Seiten schätzbare Projekte eingegangen sind, die Nützlichkeit der Unternehmung auch nicht verkannt wird, der Gegenstand jedoch keine so lebhafte Teilnahme einzuflößen scheint, auch nicht für so dringend erachtet wird.“ 

König Friedrich Wilhelm III. setzte dann am 16.10.1831 eine “Immediat-Commission zur Errichtung von Telegraphenlinien“ unter zusätzlicher Beteiligung des Ministeriums des Inneren, der Polizei und des Ministeriums der Finanzen ein. Zum Vorsitzenden wurde der Chef des Generalstabs, Generalleutnant Wilhelm Krauseneck bestimmt - schließlich war es das preußische Militär, das Telegraphenlinien forderte. 

Durch “Allerhöchste Kabinettsordre“ vom 21. Juli 1832 wurde dann der Bau einer optischen Telegraphenlinie von Berlin über Köln nach Koblenz angeordnet. Weil zwischen den beiden preußischen Landesteilen das Herzogtum Braunschweig und das Königreich Hannover lagen, musste mit deren Regierungen erst die Zustimmung zum Bau ausgehandelt werden. 

Sowohl der Bau als auch der spätere Betrieb lag in der Zuständigkeit des Militärs. Den Bau leitete Generalmajor Dr. Franz August O´Étzel, der auch schon als Vermesser gearbeitet hatte und damit bestens für diese Aufgabe geeignet war. Er wählte alle Stationen selbst aus und nutzte vorhandene hohe Bauwerke wie Kirchen, oder er ließ entsprechend hohe Gebäude bzw. Türme errichten. 

Die erste Teilstrecke begann auf der alten Berliner Sternwarte in der Dorotheenstraße und verlief über den Dahlemer Kirchturm und die höchsten Punkte bei Stolpe, Potsdam (wo noch heute der Name Telegrafenberg daran erinnert), Glindow, Brandenburg bis zur Johanniskirche in Magdeburg. Bereits im November 1832 war die Linie bis Magdeburg fertig und nahm den Betrieb auf. Dabei wurde das übrige Personal für die Fortsetzung der Linie geschult. Zum beschleunigten Weiterbau des längeren Streckenteils nach Koblenz erhielt O´Etzel eine “Offene Ordre“, durch die alle Behörden und Eigner verpflichtet wurden, seinen Wünschen und Anordnungen zum unverzüglichen Bau sofort Folge zu leisten. Die gesamte Strecke bis zum Schloss in Koblenz mit 61 Stationen über 650 km ging Mitte 1834 in Betrieb. Zwischen Berlin und Magdeburg musste bald eine weitere, die 62. Station, eingerichtet werden, weil sie oft zu weit auseinander lagen und die Signale auf den Bergspitzen gegen den offenen Himmel nicht immer klar erkennbar waren. 


Mit dem Bau der Stationshäuser wurden im allgemeinen den Garnisons-Baudirektoren der betreffenden Armeekorps beauftragt, während der Bau der technischen Einrichtungen dem Premierleutnant Burchard und seiner Garde-Pionier-Abteilung übertagen war. 

Das zum Betrieb der Linie erforderliche Personal war im “Telegraphen-Corps“ vereint und unterstand dem Generalstab. Der Telegraf bestand aus einem hölzernen Mast mit drei paarweise übereinander angeordneten, insgesamt 6 verstellbaren Flügeln, den sogenannten Indikatoren. Der am Fußboden befestigte Mast ragte durch das Dach nach oben. 

Stationshaus

Ober- und Unter-Telegraphist

Jeder Indikator bestand aus einem Holzrahmen mit jalousieartig beweglichen Metallplatten, an deren mastseitigem Ende Gegengewichte zur leichteren Bedienung angebracht waren. Im Dienst- (Beobachtungs-) Zimmer waren an beiden Mastseiten drei Steuerungsscheiben montiert, die durch Bedienseile über Rollen mit den Flügeln verbunden waren. Durch umstellen der “Ausrückhebel“ konnten die Flügel in jede gewünschte Stellung gebracht werden. 

Mit einem fest eingebauten und auf die Gegenstelle gerichteten Fernrohr mit 40- bis 60-facher Vergrößerung beobachtete der Obertelegraphist die übermittelten Nachrichten und sagte dem Untertelegraphisten die einzustellenden Zeichen an. Letzterer kontrollierte dann, ob die nächste Station die Nachricht richtig verstanden und weitergegeben hatte. Danach wurden die Zeichen in das Stationsjournal eingetragen. 

Die Übermittlung einer telegrafische Depesche bestand nicht im Senden eines fertigen Briefes, denn der Text wurde in der Annahmestation zunächst “ziffrirt“ (codiert) und in die zu übermittelnden Zeichen umgesetzt und erst am Bestimmungsort konnten sie mittels besonderer “Wörterbücher“ zurück übersetzt werden. Die Nachrichten waren so kurz wie möglich zu halten, dass man mit möglichst wenigen Flügelstellungen auskam. Die Geschwindigkeit der Übertragung war von den Sichtverhältnissen abhängig. Bei normalem Wetter dauerte die Durchgabe von 30 Wörtern von Berlin bis Koblenz etwa eineinhalb Stunden. 

Weil es damals in Deutschland noch verschiedene Zeitzonen gab, war für die gesamte Telegraphenlinie die “Berliner Zeit“ vorgegeben. Dazu erhielt jede Station eine Schwarzwälder Uhr mit Schlagwerk. 

Die optische Telegraphie diente ausschließlich der militärischen inneren und äußeren Sicherheit Preußens. Nur in Ausnahmefällen war ab 1835 dem Ministerium des Inneren und der Polizei eine Mitbenutzung erlaubt. 

Eine besondere und ganz spezielle Bedeutung erlangte die optische Telegrafie beim Bau der Eisenbahnen - und noch heute erinnert manches Bahnsignal an die Flügel früher Telegrafen. Dass beim Militär weitere Telegrafenlinien im Gespräch waren, zeigt eine im Potsdamer Heeresarchiv erhaltene Vorlage vom Leiter des Astronomisch-trigonometrischen Büros im Großen Generalstab, Oberst von Oesfeld, der vorschlug, von Berlin aus 7 Stationsreihen zu wichtigen strategischen Orten anzulegen: 

- nach Magdeburg, Eldenburg/Lenzen, Stettin, Merseburg, Torgau, Frankfurt an der Oder und Sagan. 

Interessant ist die Linie nach Stettin, die über Bernau, Heckelberg (Kirchtürme), Oderberg (Pimpernellenberg, trig. Punct), Bellinchen (Oder-Thalrand, trig. Punct), Schwedt, Garz (die Kirchtürme) und die Windmühle von Barnimslow gehen sollte. 

Mehrere dieser Linien sollen näher untersucht worden sein. Aber leider ist aus den bisher erschlossenen Archivalien nicht zu belegen wann bzw. ob überhaupt noch andere Telegrafenlinien in Preußen realisiert wurden. Namen wie der Telegrafenberg bei Angermünde lassen es allenfalls vermuten. Zur selben Zeit wie die “Holztelegraphie“ bis zum Rhein in Betrieb ging, wurde die elektrische Nachrichtenübermittlung erfunden, der sich auch Direktor O´Etzel sofort zuwandte. 

Karte von Brandenburg mit den 7 Versuchsreihen 


 
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