Recherchen zu preußischen Telegraphenmarken - Schwedter Briefmarkensammler-Verein

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Recherchen zu preußischen Telegraphenmarken

Heft 42

- von Siegfried Grempe

Telegraphenmarken - wer kennt sie schon, wer sammelt sie noch? 
Seit diese Wertzeichen ehemals selbständiger Telegraphenverwaltungen nur noch in Spezialkatalogen aufgeführt werden, sind sie dem Gros der Sammler noch weniger beachtenswert. Wegen der Seltenheit vieler Stücke bekommt man im normalen Tauschverkehr kaum jemals solche Marken zu Gesicht, und auch auf Auktionen werden sie nur sporadisch angeboten. 
Als Preußensammler interessierte mich schon lange das Problem, warurn im volkreichsten Staat der altdeutschen Sammelgebiete die Telegaphenmarken so selten erhaIten blieben. Im Michel-Deutschland-spezial werden sie ungebraucht mit vierstelligen DM-Beträgen bewertet und gestempelt ohne Preis. Ausgewiesen (1). Walter Kruschel schreibt: “Entwertet sind diese Marken Weltraritäten“ (2). 
Der Michel gjbt als Ausgabedatum für alle 6 erschienen Wertstufen einheitlich den 15. Juni 1864 an; verwendet wurden sie bis in die Zeit der ab 1. Januar 1868 amtierenden Norddeutschen Telegraphenverwaltung. Die Verwendung war nur auf Berlin beschränkt; nach Michel nur beim Hofpostamt und Postamt Börse. 
Vor über 100 Jahren, nämlich in der Festschrift zur Feier des zehnjährigen Bestehens des Berliner Philatelisten-Clubs, veröffentlichte Dr. Franz Kalckhoff einen Aufsatz “Die preußischen Telegraphenmarken“. Darin fasste er unter Bezugnahme auf amtliche Quellen und unter Benutzung des von führenden Mitgliedern des Clubs Carl Lindenberg und Heinrich Fraenkel zur Verfügung gestellten Materials das damalige Wissen über die preußischen Telegraphenmarken zusammen (3). 
Vergleicht man diese Angaben mit den Angaben im Michel und bei Kruschel, stellt man Widersprüche fest, die 

  • 1. Die Art der Verwendung

  • 2. Die Ausgabedaten und damit den Verwendungszeitraum

  • 3. Die Verwendungsorte

betreffen. 

zu 1.: Die Bekanntmachunq zur Einführung der Telegaphenmarken (amtlich “Marken zum Frankieren telegraphischer Correspondenz“ genannt) legte fest, daß die Marken zum Frankieren der bei der Telegraphen-Station im Börsengebäude zur Aufgabe gelangenden Telegramme geschieht in der Art, daß auf der rechten Seite der Original-Depesche resp. des 
Aufgabe-Formulars von dem Absender selbst eine oder so viele Marken, als zur Deckung der tarifmäßigen Gebühren erforderlich sind, aufgeklebt werden…(3) Walter Kruschel hat also nicht recht, wenn er schreibt: “Auf welchen Poststücken Sie zur Entwertung aufgeklebt werden mußten, bleibt bis heute ein Rätsel.“ (2) 

zu 2.: Die Einführungsbekanntmachung kündigt die Ausgabe von 4 Wertstufen zu 8, 10, 12 und 15 Silbergroschen an, mit denen sich alle vorkommenden Gebührensätze darstellen ließen. Am 1. Juli 1867 trat ein ermäßigter Tarif in Kraft, der Bedarf für die Wertstufen zu 2½ und 5 Sgr. schuf. Diese wurden am 15. Oktober 1867 ausgegeben. Diese Wertstufen waren also nur 21½ Monate in Verwendung, während die 4 zuerst ausgegebenen Werte 61½ Monate verwendet werden konnten. Michel kennt diesen Unterschied nicht. Eine präzise Angabe bekannter Ausgabedaten in einem Spezialkatalog kann man erwarten, da sie bei anderen Sätzen, die zusammengefasst wurden, ja auch erfolgt ist. 

zu 3.: Verwendungsort der Telegraphenmarken war ab Juni 1864 vorläufig nur die Telegraphenstation Börse (Postamt Börse ist bei Michel nicht korrekt), ab 1. Februar 1865 auch das Berliner Haupttelegraphenamt Französischen Straße (Telegraphen-Central-Station). An beiden Stellen wurden die Marken an das Publikum verkauft. Diese beiden Stationen bearbeiteten nach Kalckhoffs Angabe aller Telegramme innerhalb des preußischen Staates. Das Hofpostamt hatte seinen Sitz in der Königstraße 60 (4) und wird in den von Kalckhoff zitierten Bekanntmachungen nicht erwähnt. 

Die Angabe im Michel ist wahrscheinlich revisionsbedürftig. 

Mit dem Problem der Verwendungsorte ist die Frage der Entwertungen verbunden. Kalckhoff kannte Entwertungen mit dem Tagesstempel Berlin (ohne weitere Merkmale anzugeben) aus 1867 und 1868 und durchlochte Marken. 
Kruschel bewertet den Einkreisstempel Berlin B (=Börse) ab 1867. Wie wurde aber vorher entwertet? Sind die Durchlochungen, die Kalckhoff vorlagen und die Michel nicht erwähnt, die älteren und wo wurden sie angebracht? 
Lose gestempelte Marken gibt es wenige. Die frankierten Telegramme scheinen restlos vernichtet worden zu sein. Erstmals wurde von der Firma Hobbyphilatelie in Umkirch auf der Auktion am 16./17.06.1998 ein mit 25.000 DM geschätzter Brief angeboten, der rückseitig eine von der Berliner Postexpedition 8 (ebenfalls Französische Straße?) am 6.8.1868 entwertete Telegraphenmarke zu l0 Sgr. und den handschriftlichen Vermerk "lnhalt fünf Telegraphenquittungen" aufweist (5). Dieser Brief fällt schon in die Amtsperiode der Norddeutschen Telegraphen-Verwaltung, bei der weitere Dienstleistungen mit Telegraphenmarken zu begleichen waren, wie in (6) ausdrücklich erwähnt wird. Dieses Ganzstück zeigt, daß Privatleute ganz legal in den Besitz gestempelter Telegraphenmarken kommen konnten. 
Außerdem zeigt dieses Ganzstück, daß es außer den bei Kalckhoff genannten Stellen weitere Orte (Telegraphenstationen oder Postdienststellen) gegeben haben wird, die Telegraphenmarken entwerten durften. Eine Liste aller Entwertungen ist mir aber nicht bekannt. 
Außer Gebrauch kamen die preußischen Telegraphenmarken nach Moens, auf den sich Kalckhoff beruft, am 1. August 1869, als die Norddeutsche Telegraphenverwaltung flächendeckend neue Telegraphenmarken einführte (6). 
Michel schreibt analog: "Gültig bis 31.07.1869", worauf sich obige Angaben zur Gültigkeitsdauer beziehen. Zur Entwertung der norddeutschen Telegraphenmarken heißt es bei Michel (7): "Die Entwertung erfolgte mit schwarzer oder roter Tinte". Das ist so vereinfacht nicht korrekt. In der Verfügung vom 15. Juli 1869 "Instruktion wegen Einführung von Telegraphen-Freimarken" wird nur gesagt, daß die Entwertung mittels Durchstreichens jeder einzelnen Marke mit Tinte zu bewirken ist, möglichst durch die Markenmitte und auf das Formular übergehend (6). Die Farbe der Tinte wurde nicht vorgeschrieben. An 5. Dezember 1870 wurde eine neue Verfügung erlassen: Entwertung der Telegraphen-Freimarken betreffend (8). Darin heißt es wörtlich: 
"Um ferner einer etwaigen Wiederverwendung bereits entwerteter Freimarken möglichst vorzubeugen, wird hierdurch bestimmt, daß außer der gleich bei Annahme der Depeschen seitens des Annahmebeamten zu bewirkende Entwertung, welche mittels Durchstreichens jeder einzelnen-Marke mit schwarzer Tinte zu bewirken ist, von jetzt ab eine nochmalige Entwertung durch den Stationsvorsteher resp. eines Aufsichtsbeamten bei Gelegenheit der Kontrolle der richtigen Beförderung der Depeschen in der Weise stattfinden soll, daß jede einzelne Marke nochmals mit roter Tinte durchstrichen werde. 
Alles klar? 

Literatur: (1+7) Michel-Deutschland-spezial 1996 
(2) Walter Kruschel, Klassische Berliner Postgeschichte (Berlin 1987, S.195 
(3) Dr. Franz Kalckhoff, “Die preußischen Telegrafenmarken“ in der Festschrift des Berliner Philatelisten-Club, (Berlin, Januar 1898) 
(4) Walter Kruschel, a.a.O., S.162ff; R. Ritter briefl. Vom5.8.1998 
(5) Briefmarkenspiegel, Heft 7/1998 
(8) Amtsblatt der Norddeutschen Telegraphen-Verwaltung Nr. 14/1869 


 
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