Neues zur “Blechdosenpost“ TIN CAN MAIL - Schwedter Briefmarkensammler-Verein

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Neues zur “Blechdosenpost“ TIN CAN MAIL

Heft 42

- von Wolfgang Ehrhardt 

Unlängst erhielt ich eine interessante Zuschrift von Sammlerfreund Konrad Dittert aus Bielefeld bezüglich des Berichts über die Blechdosenpost im Heft 31, die er in unserer Webseite fand. 
Herr Dittert schrieb: “Ich habe 1954 als Schüler in einer Jugendzeitschrift einen Bericht über “Die seltsamste Postverbindung der Welt“ gelesen und anschließend aus Neugier einen Brief nach Tonga geschrieben. Zu meiner völligen Überraschung habe ich Antwort erhalten. Der Brief muss wochenlang unterwegs gewesen sein, denn er kam völlig ramponiert bei mir an.“ 

Am 35.3.1954 schrieb der Schüler den Brief, der am 24. Juni in Tonga beantwortet wurde und am 12.9.1954 mit dem schönen Umschlag zurück kam. 
Trotzdem ist es schon erstaunlich, wie zu dieser Zeit Einschreiben behandelt wurden! 

Der Brief war an den Postmeister gerichtet und so macht schon die Absenderangebe neugierig, was nach dem Lesen noch zunahm! Auf die Rückseite des Anschreibens geschrieben, ist die interessante Antwort zu lesen: 

Nukualofa, den 24.Juni 1954 
Dieser Brief kam am heutigen Tag in meinen Besitz. Englisch braucht man nicht, denn hier ist ein Deutscher, sogar ein lustiger Braunschweiger aus Helmstedt, einer großen Stadt heutzutage. Ging in 1894 von dort fort, umsegelte die Welt verschiedene Male, pflanzte mich dann in 1899 hier in Tonga an, in den Tagen war Tonga noch Deutschprotektorat, doch das ist nun vorbei. Tonga ist ein herrliches aber kleines Königreich und sehr weise 
regiert bei unser König Salote Tubou. 
Dein treuer Freund! Mit deutschem Gruß 
Walter Georg Quensell 
Als Nachsatz steht am Rande: 
“Tin Can Mail gibt’s nicht mehr, denn die Niuafoou Insel wurde durch 5-6 Krater Ausbrüche zum Teil zerstört, ich kam jedoch mit dem Leben davon, dieses war am 9./12. September 1946. 
Nun war ja interessant, näheres über den Absender Walter Georg Quensell zu erfahren und schon Herr Dittert wurde im Internet fündig. Unter MacStammbaum fand er einen bereits am 28. März 1935 in der Chicagoer Abendpost erschienenen Bericht “Schwimmende Postboten“ in dem es heißt: 
“Zu den in der Südsee gelegenen Tongainseln gehört auch die kleine Insel Ninoafo´ou, auf der inmitten von rund 1.200 Eingeborenen ein einziger Weißer seinen Wohnsitz aufgeschlagen hat. Da Korallenbänke und Felsenriffe die Insel umschließen, können Schiffe an der Insel nicht anlegen, und die Übernahme von Post für den weißen Mann ist immer ein schwieriges Manöver. Wenn nun ein herannahendes Schiff durch verabredete Zeichen den Bewohnern von Ninuafo'ou mitteilt, daß es einen Brief oder ein Paket für Mr. W. G. Quensell an Bord hat, versammelt sich die ganze Bevölkerung am Strand, freudig die ihnen fremde Verbindung mit der weiten Welt begrüßend. Mr. Quensell bittet dann zwei Eingeborene, die wie alle Bewohner der Insel schöne und geistig rege Polynesier sind, die Rolle des Postboten zu übernehmen, und ohne weitere Umstände laufen sie in die Brandung und schwimmen um die Wette nach dem großen fremden Schiff. In einem Blechbehälter wird dort die Post vom Deck herabgelassen, und die beiden Schwimmer stoßen nun, angefeuert von den jubelnden Zurufen vom Strand her, wie bei einem Wasserballspiel den Postkasten vor 
sich her, immer auf der Hut, Schwertfischen und anderen ungemütlichen Seebewohnern zu entgehen. Pudelnass, aber über das ganze Gesicht lachend, überbringen dann die beiden Postboten dem weißen Mann ihren “Wasserball“, und wenn er die Blechbüchse öffnet, seine Briefe entnimmt und liest. dann umtanzen ihn die neugierigen Zuschauer, als habe er eine Botschaft vom Himmel empfangen.“ 
Weitere Berichte im Internet. wie unter Tin Can Maii, The story of Tin Can Maii oder infophila besagen, dass W. G. Quensell seit 1899 in Tonga und dort seit etwa 1919 auf der kleinen Insel Niuafo'ou lebte. 

W. Quensell selbst schriebt in einem Brief vom 9. Dezember 1931 aus Mgaha/Niuafo´ou an seine Verwandtschaft in Deutschland: "Ich lebe hier auf einer sehr einsamen Insel, nur zwei Weiße und ein Pfaffe, ein Deutscher, ich bin das, ein Engländer, auch ein Kaufmann (offenbar der bereits im ersten Artikel genannte Charles Stuart Ramsay) und ein Franzose, der Pfaffe. Wir leben hier wie Brüder zusammen, dann haben wir 1.250 Tonganer. Wir Quensells sind alle Lutheraner, der Engländer gehört zur Kirche von England, und der Franzose ist natürlich ein Katholik, aber wir sprechen nie über Religionen. Ich bin auf dieser Insel schon seit 14 Jahren, es ist einsam, aber es gefällt mir, ich habe sieben Kinder, von welchen vier mit meiner Frau in Neuseeland sind, die Kinder gehen dort zur Schule. Meine lnsel liegt über 200 Meilen von dem früheren deutschen Samoa …entfernt. Tonga ist ein kleines Königreich unter englischem Protectorat und ganz Tonga hat 21.000 Einwohner, das einzige Land ohne Staatsschulden. Die Tonganer haben viele Religionen, und gehen von einer zur anderen...  Wir hatten große Stürme hier am Beginn des Jahres, und die Zeiten sind sehr traurig, der Preis für Kopra, das einzige Produkt für Export, ist so gefallen und unsere Geschäfte ruiniert, hoffen aber für bessere Zeiten.“ 
Walter Quensell war also Kopra-Händler, der (vermutlich mit seinem englischen Partner) das getrocknete Fleisch der Kokosnüsse in den 40 Pfund fassenden Zwieback-Kanistern zum Versand brachte. Wie schon beschrieben, schwammen Einheimische damit zu den Schiffen und brachten auf diesem Wege auch Post mit auf die Insel. 
So ist die jahrelang funktionierende Tin Can Mail entstanden - und es ist anzunehmen, dass Quensell auch die Idee hatte, die “Blechdosenpost“ zu popularisierten und ihr den Anschein einer offiziellen Post zu geben. . 
Ein 1954 von ihm dem Schüler Dittert mitgeschickter, leider in der Mitte zerrissener, Souvenirumschlag ohne Anschrift mit dem Tagesstempel vom 25. März 1945 trägt alle möglichen in den verschiedenen Jahren bei der Tin Can Mail verwendeten Stempel. Das deutet darauf hin, dass er die Stempel auch selbst anfertigen ließ und auch in seinem Besitz hatte. So wie er auch auf die Umschläge seinen Namen mit dem Kürzel “T.C.C.M.“ (= Tin Can Canoe Mail) drucken ließ. 

Hier mit der Angabe WALT. GEO. QUENSELL / 

Dass im Jahr 1931 ein Schwimmer von einem Hai gefressen und deshalb erst der Transport zu den Schiffen mit dem Kanu erfolgte, ist eher eine das Geschäft belebende Fama. Sicher ist auf jedem Fall, dass nach dem Großen Vulkanausbruch vom September 1946 die Tin Can Mail ihr Ende fand. 
Von 1962 bis 1983, als auf Niuafoou noch keinen Flugplatz gab, soll die TCCM noch einmal existiert haben – auf jedem Fall gibt es Souvenirbelege aus dieser Zeit. 

Ein ganz besonderer Dank gilt Sammlerfreund Konrad Dittert für seine interessanten Informationen und das Überlassen der schönen Dokumente. 


 
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