Not macht erfinderisch... auch beim Briefeschreiben! - Schwedter Briefmarkensammler-Verein

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Not macht erfinderisch... auch beim Briefeschreiben!

Heft 44

- von Heinz Ihmann

Einen schönen Beweis dafür lieferte im Jahre 1946 Frau Lauterbach aus Frankfurt/Oder.
Im Dezember wollte Sie schnell noch ein paar Neuigkeiten (siehe Rückseite) ihrer Nichte in Hannover mitteilen. Doch woher einen Briefumschlag nehmen? Kaufen? Kaum möglich bei der herrschenden Papierknappheit in der schwer zerstörten Stadt.
Dass sie noch zwei alte Feldpostkarten hatte und dazu ein guter Einfall kam, half ihr weiter: Sie schrieb auf beide Seiten die Adresse ihrer Nichte, frankierte sie und schrieb auf das verbleibende Papier ihre Alltagssorgen und Wünsche dieser schlimmen Nachkriegszeit.
Dann nähte sie beide Karten zusammen und ab ging die Post, die britische Zensurstelle in Hamburg drückte dem "Brief“ beidseitig einen Durchlaufstempel mit der Nummer 1583 auf, dann erst wurde er in Hannover zugestellt.

Die Rückseite mit dem erschütternden Text aus einer schlimmen Zeit:

Als ich am Sonnabend, dem 28. Dezember nach einer schlaflosen und schmerzreichen Nacht meinen Kaffee trank, brachte mir der Briefträger Dein Päckchen meine liebe, liebe Hilde. Habe vielen Dank für all die schönen Sachen. Du bist ja eine Künstlerin. Gejubelt habe ich über den Bratapfel, der wunderbar schmeckte, aber wohl keiner war. Er war weich und schmeckte prächtig. Könnte ich Dir doch auch einmal eine Freude machen aber nichts, nichts haben die sogenannten guten Freund mir gelassen. Alles gestohlen, was nicht nagelfest war, die schönen Gemälde von meinen Eltern, weit über 100 Jahre alt, Sie waren gepflegt und wert gehalten.
Mein geliebtes Kind, meine Hilde. Für das Jahr 1947 sende ich Dir und Gertrud viele Glückwünsche, möge es ein segensreiches Jahr werden. Was wird es bringen in seinem dunklen Schoß? Nicht fragen, nicht zurückdenken. Einst und jetzt - den 30.12. weiter.
Ich bin so matt und müde, möchte aber gern, daß Du meine Hilde und Gertrud recht bald meine Grüße haben sollt. In Gedanken bin ich immer bei Euch und segne Euch!
Leider gehe ich jetzt am Laufstuhl. Auch eine Qual für mich.
Nimm den Segen von Deiner alten Dich liebhabenden Tante


 
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