Das "Oflag IIA" in Prenzlau (II) - Schwedter Briefmarkensammler-Verein

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Das "Oflag IIA" in Prenzlau (II)

Heft 47

- von Wolfgang Ehrhardt und Friedrich Schmidt

Das Lagerleben für die gefangenen Offiziere, die ja meist ein höheres Bildungsniveau hatten, war recht eintönig. Zwar standen zwei Sportplätzen und eine Turnhalle zur Verfügung - aber das für 2.700 erwachsene Männer. Es bildeten sich kleine Gruppen, die je nach Interessanlage gegen die Langeweile ankämpften.
Gut besucht waren deshalb immer die abendlichen Gottesdienste in einer im Dachboden von Block B sehr kunstvoll ausgestalteten Kapelle. Die Gottesdienste der beiden belgischen Geistlichen wurden dabei vom deutschen Personal in keiner Weise behindert. Sonntags gab es zusätzliche Messen in der Turnhalle.
Eine wichtige Beschäftigung war das Lesen, die Bibliothek war auch immer gut frequentieret. Außerdem war das Abonnieren deutscher, belgischer und französischer Zeitungen erlaubt. Lokale deutsche Zeitungen bekamen sie am Erscheinungs-tag, ausländische mit einigen Tagen Verzögerung
Im Winter wurde es besonders schlimm, wenn es neben den knapp beheizten Unterkünften auch noch zu Stromsperren kam - der Strom wurde generell 22.00 Uh abgeschaltet. Deshalb waren abends stets die Stuben überfüllt, wo die täglichen deutschen Nachrichten und aktuelle Berichte aus Belgien verlesen wurden. Das bot die Gelegenheit zum Austausch aller möglichen, auch von außen erhaltenen illegalen, Nachrichten.
Die größte Freude aller Internierten war der Empfang von Post ihrer Angehörigen aus der Heimat. Dass jede ihrer Sendungen kontrolliert wurde, interessierte dabei kaum. Das abgebildete Foto seiner Lieben, besonders der Kinder, wird dem Empfänger sicher eine große Freude gewesen sein. Der Zensurstempel wird ihn dabei überhaupt nicht gestört haben, ist aber ein Dokument für die Überwachung im Lager.



Foto einer belgischen Familien idylle mit dem rückseitigem Zensurstempel.
Auch im Lager aufgenommene Fotos erhielten erhielten den Zenrurstempel, wenn sie in einem Brief nachhause
geschickt wurden.
Der Reiz dieses etwas ausgefallenen Sammelgebietes liegt einmal im Erforschen der reinen postalischen Belege und der Verfahrensweise der deutschen Zensur, und andererseits im Erkennen und Aufarbeiten der dahinter stehenden menschlichen Schickale..
Schaut man sich erhalten gebliebene Briefe und Karten von ehemaliger Kriegsgefangener des Prenzlauer Offiziersgefangenenlagers "Oflag II A" an, gibt es viele interessante Details zu entdecken und noch manches Rätsel zu lösen.
Zwei Interessante Briefe eines belgischen Kriegsgefangenen aus dem Oflag VII B in Eichstätt an seinen im Oflag II A in Prenzlau internierten Bruder, den Leutnant Jules Decowe. Die Zensurstempel von beiden Lager bestätigen die doppelte Prüfung.


Beide Briefe wurden 15 Tage vor den abgedruckten Poststempeln geschrieben - was der Zensur genügend Zeit bot. Der 2.Brief vom 1.9.1942 konnte im Oflag II A nicht zugestellt werden und wurde nach Belgien weitergeleitet, weil der Adressat inzwischen offenbar entlassen wurde

Der Brief aus dem Oflag II A mit dem Poststempel vom 30.5.42 trägt den auffälligen Stempel des Konzentrationslagers Oranienburg und zwei weitere anonyme Zensurstempel und wirft die Frage auf: War etwa die angeschriebene Madame Haubourdin Insassin des Frauen-KZ und ihr Mann zugleich internierter Offizier in Prenzlau? 
Auffallend ist die belgische Anschrift in Brüssel - aber wieso gelangt der Brief nach Oranienburg ins KZ?
Aus den letzten Monaten liegen Briefe mit dem Zensurstempel "21" des Oflag II A vor, die keine Poststempel tragen aber offensichtlich befördert wurden. Gab es dafür neue Vorschriften oder andere kriegsbedingte Beförderungswege?












Für die Behandlung von Kriegsgefangenen hatte Deutschland die Genfer Konvention unterzeichnet, hielt sich aber (besonders gegenüber der Sowjetunion) nur teilweise an deren Vorschriften. Gefangene Offiziere erhielten in gleicher Höhe Sold wie gleichrangige deutsche Offiziere.
Um für durch die Internierten entstehenden Kosten aufzukommen, mussten die gefangenen Unteroffiziere und Mannschaften arbeiten und wurden dafür entlohnt. Die Offiziere hingegen wurden von der Arbeit verschont, mussten sich dafür jedoch aus dem erhaltenen Sold selber verpflegen. Die Auszahlung erfolgte jedoch nicht in Reichswährung, weil öffentliche Zahlungsmittel eine Flucht begünstigt hätten. Deshalb wurde ab Herbst 1939 im Auftrag des Ober-kommandos der Wehrmacht (OKW) besonderes Kriegsgefangenen-Lagergeld ausgegeben.




 1- und 2-RM-Kriegsgefangenen-Lagergeld
 
Um den 20. November 1944 wurde das Prenzlauer Lager Oflag II A in Oflag 80 umbenannt, das ab Mite April 1945 in Richtunf Westen evakuiert wurde Bei einem russischen Fliegerangriff am 12. April 1945 wurde der Block B von zwei Bomben getroffen. Dabei gab es acht tote und mehrere Schwerverletzte belgische Kriegsgefangene.

Am Morgen des 25. April 1945 wurde das Lager von der Roten Armee befreit.
Leutnant Paul Hermand erzählt in seinen Memoiren (aus Wikipedia):
"Am Donnerstag, dem 10 Mai, es war Christi Himmelfahrt (und auch der 5. Jahrestag der deutschen Aggression Belgiens) feierten die Russen ihren Sieg. Ein feierliches Te Deum wurde um 11.15 Uhr in Anwesenheit des russischen Lagerkommandanten gesungen mit den fünf russischen, amerikanischen, britischen, französischen und belgischen Nationalhymnen…
Der russische Kommandant genoss den Prunk und ließ eine ähnliche Zeremonie am kommenden Sonntag (17. Mai) wiederholen. An diesem Tag geschah auch die feierliche Enthauptung des Nazi-Adlers, der auf der Vorderseite des Blocks E angebracht war."
Bis Juli 1945 wurde das Gelände als "Sowjetisches Kriegsgefangenenlager Prenzlau" genutzt, danach diente es bis 1992 als Kaserne für die Sowjetischen Streitkräfte.


 
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