Aus der Post- und Philatelie-Geschichte in Schwedt - Die "Schwedter Markenheftchen" - Schwedter Briefmarkensammler-Verein

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Aus der Post- und Philatelie-Geschichte in Schwedt - Die "Schwedter Markenheftchen"

Heft-49

- von Wolfgang Ehrhardt

Als ich kürzlich diese als Einschreiben versande Postsache von der Dienststelle PB(S) 4 des Post- und Fernmeldeamtes 1320 Angermünde, Abteilung Postbetrieb Schwedt erhielt, machte mich zunächst die Angabe "PB(S) 4" neugierig. Nach der Befragung ehemaliger Insider ergab die Lösung: "Post Betrieb (Sammlermarken". Da fiel mir ein, dass es zu DDR-Zeiten in Schwedt eine Briefmarken-Versandstelle gab…
Wegen permanenter Devisenknappheit war auch die Deutsche Post der DDR angehalten, ständig ihre Umsätze zu steigern. Dazu wurden in den 1980er Jahren die Markenauflagen teils drastisch erhöht und vermehrt attraktive Produkte für die Sammler hergestellte, wie Kleinbögen, Gedenkblätter, Numisbriefe und Schwarzdrucke.
Weil damit aber die ohnehin begrenzte Kapazität der Druckereien nicht mehr reichte, wurden Ersatzlösungen gesucht und die Problematik zum Thema eines Ministerseminars für die Leiter der Post- und Fernmeldeämter gemacht. Als der Postrat Hermann Fritsch vom BFA Angermünde davon erfuhr, hatte er die Idee, eine ihm bekannte kleine private Druckerei in Schwedt für die Post tätig werden zu lassen. Im Jahre 1980 hatte sich der gelernte Drucker Joachim Wippold mit einer zunächst geliehenen alten Druckmaschine in einem ehemaligen Tabakspeicher im Schwedter Bootsweg selbständig gemacht und mit kleinen Druckaufträgen sich mühsam über Wasser gehalten.
Nach gründlichem abwägen aller Modalitäten erhielt die Druckerei Wippold schließlich den lukrativen Dauerauftrag des Post- und Fernmeldeverkehrsamtes Berlin zum Bedrucken amtlicher Ersttagsbriefe und Gedenkblätter mit den jeweiligen Sonderstempeln.


Zur Abwicklung aller damit zusammenhängender Geschäfte entstand nahe der Druckerei, in der Berliner Alle 30, eine Versandstelle für Sammlermarken. Dort wurden die FDC und Gedenkblätter mit Marken beklebt, dann zusammen mit dem Metall-Stempel zur Druckerei gebracht und danach zum Versand an die Abonnenten verpackt.


Wie alles Übrige wurde auch das Verpackungs-material geliefert. So weist auf dem Vordruck-Umschlag für Nachnahme und Einschreiben nur der Stempel-Abdruck "1330 Schwedt" auf dem Blanko-R-Zettel auf den Absenderort hin. Einlage-Kartons zur Verstärkung wurden mit der Anschrift der Versandstell und der Bitte um Rücksendung versehen.
















Als dann im Jahre 1986 in unserer Region die so beliebten Sondermarkenheftchen zu einer Mark ausverkauft waren und trotz mehrfacher Nachbestellungen nicht geliefert werden konnten, war es wieder Hermann Fritsch, der eine Lösung fand! Im Wissen um die Druckgenehmigung der Post, beriet er mit dem Drucker Wippold die Herstellung von Ersatz-Markenheftchen. Bei der Nutzung heimischer Möglichkeiten wurde von den örtlichen Organen im Rahmen einer Initiative zur Deckung des Bevölkerungsbedarfs anlässlich des XI. Parteitages das Vorhaben erlaubt.
Im Ergebnis wurden von der Schwedter Papierfabrik kostenlos Kartonreste beschafft und dann 5.000 Heftchendeckel gedruckt. Mit einer Größe von 105x73 mm entsprachen sie etwa den amtlichen Sondermarken-Heftchen, die 110x70 mm maßen.



Das erste Schwedter Markenheftchen mit 10 eingeklebten 10-Pfennig-Marken

Die Herstellung war von Beginn an improvisiert und wirkt recht laienhaft. Die Beschreibung "Postwertzeichen" war dem Umstand geschuldet, dass nur die in ausreichender Menge vorhandenen Marke, und das waren nicht nur Sondermarken, eingeklebt werden konnte. Der auf die zweite Seite (Rückseite des Deckblattes) gedruckte Hinweis "Bitte beachten Sie!" wurde nicht zufällig gewählt, denn in Schwedt gab es damals außerordentlich viele Diebstähle aus den Schließfach-Anlagen in den Hochhäusern.

Weil die Druckerei noch im alten Handsatz arbeitete, konnten auch nur die im Setzkasten vorhandenen Typen verwendet werden.



Das Einkleben jeweils vorrätiger Sonder- oder Dauerpostwertzeichen erledigten in Leerlaufzeiten die Mitarbeiter einer Jugendbrigade im Innendienst beim Postamt Schwedt. Außer den Kosten für den Druck fielen keine weiteren Kosten an. Zum Verkauf kamen die nur noch so genannten Schwedter Markenheftchen ab Juli 1986 in den Postämtern und Zeitungskiosken des Amtsbereichs Angermünde - und waren in kurzer Zeit restlos ausverkauft.
Aufgrund dieses unerwarteten Verkaufserfolges - und weil immer noch keine Nachlieferung offizieller Sondermarkenheftchen erfolgt war, entschied das BFA Angermünde, weitere Markenheftchen herzustellen. Dazu konnte erneut aus den Schwedter Papier- und Kartonwerken preiswerter Recycling-Karton unterschiedlicher Farbe und Stärke erworben werden.
Die zweite Auflage entsprach der ersten, nur wurde um das Posthornsymbol ein 3 mm breiter gelber Rahmen gedruckt, der unterschiedlich angepasst vorkommt. Da die Druckerei die gesamten Auflagen nicht auf einmal, sondern immer nur in Leerlaufzeiten fertigen konnte, gibt es speziell bei der gelben Farbe der Rahmen starke Unterschiede.
Als sich auch das zweite Heftchen gut verkaufen ließ und schnell vergriffen war, entschied man sich zu weiteren Drucken, so dass 5 verschiedenen Auflagen von je 5 bis 8.000 Heftchendeckel entstanden:

  • Die 1. und 2. Auflage wurden mit dem gleichen Klischee gedruckt; nur hat die 2. Auflage einen 3 mm breiten gelben Rahmen um das Posthorn. Wegen der starken Abnutzung haben spätere Drucke ein kleineres Posthorn.
  • Die 3. Auflage mit kleinerem Posthorn hat einen 3 mm breiten gelben Rahmen
  • Die 4. Auflage mit gleichfalls kleinem Posthorn hat einen schmalen, nur 2 mm breiten gelben Rahmen - und trägt den Text auf der 4. Seite
  • Die 5. Auflage gleicht der 4. hat jedoch keinen Rahmen um das kleine Posthorn



Abbildungen der Markenheftchen 3, 4 und 5


Die Verantwortlichen waren überzeugt, eine gute "sozialistische" Tat für die Allgemeinheit vollbracht zu haben, und die große Akzeptanz der Heftchen
gab ihnen Recht.
 
 
Im Mai 1987 erschienen dann in mehreren philatelistischen Zeitschriften, darunter auch im westdeutschen Briefmarkenspiegel, Anfragen zu "rätselhaften Markenheftchen". Besonderen Staub wirbelten die Fragen eines Sammlers aus Dresden und vom VEB Philatelie Wermsdorf nach "ominösen" Heftchen-Nachdrucken ohne Druckvermerk auf, von denen man glaubte, sie seien in spekulativer Absicht hergestellt worden.
Noch im Juni 1987 beschwerte sich der Direktor für Export/Import aus Wermsdorf beim Post-Minister: "… Wie lange brauchen wir noch, um herauszufinden, wer da auf eigene Faust (und evtl. in die eigene Tasche) Heftchen herstellt?
Mit besonderem Nachdruck wurde seitens des Ministeriums für das Post- und Fernmeldewesen nach allen Seiten geforscht. Von besonderem Interesse war dabei neben der Herkunft der Heftchen auch, wer sie vertrieb und wer sich an den Briefmarkenspiegel gewandt hatte.
Schließlich wurden die oben geschilderten Umstände bekannt und mit Wirkung vom 17. Juni 1987 verbot der Minister jeden weiteren Verkauf der Heftchen. Bis dahin waren nach amtlicher Angabe 20.000 Stück zum Preis von 1,-- Mark verkauft, die restlichen etwa 10.000 schon beklebten Deckblätter wurden zurückgezogen und die Marken daraus wieder entnommen. Der Rest wurde unter Aufsicht verantwortlicher Postbeamter in der Papierfabrik stofferhaltend entsorgt.

Die erstaunlich geringe Sorgfalt, mit der die Markenheftchen hergestellt wurden, bezeugt die Unwissenheit aller Beteiligten darüber, dass sich irgend Jemand dafür interessieren oder gar die Heftchen sammeln würde. Herr Wippold sagte später, dass er sich doch viel mehr Mühe bei der Herstellung gegeben hätte, wenn ihm das Sammlerinteresse bekannt gewesen wäre. So verwundert es auch nicht, dass die Auftraggeber der Post gar nicht merkten, mit jeder neuen Lieferung anders aussehende Deckel erhalten zu haben. Das beweist auch der abgebildete Brief von Herrn Fritsch an den Autor (der zur Erforschung der Schwedter Postgeschichte von ihm unterstützt wurde) mit dem Hinweis darauf, erst durch einen Sammler erfahren zu haben, dass es 5 verschiedene Deckel gab.








Literatur

- Eigene Recherchen und Gespräche mit den Hauptakteuren Fritsch und Wippold
- Verschiedene Artikel in den phil. Zeitschriften Briefmarkenspiegel und DBZ
- Korrespondenz mit Peter Fischer
- Kopien von Akten aus dem Bundesarchiv, Akte DM 3 MPF 15228


 
 
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