Ein Beleg aus der Zeit der Herrschaft der Sowjets in Wenden (Livland) - Schwedter Briefmarkensammler-Verein

Suchen
Direkt zum Seiteninhalt

Hauptmenü:

Ein Beleg aus der Zeit der Herrschaft der Sowjets in Wenden (Livland)

Heft-51

 - von Frank Maubach

Der abgebildete Brief aus Wenden (Cesis), 85 km nordöstlich von Riga in Livland im Baltikum gelegen, ist bemerkenswert sowohl hinsichtlich der historischen Umstände, unter denen er abgeschickt wurde, als auch in Bezug auf seine Laufzeit. Er wurde etwa 65 Tage nach dem Sturm auf das Winterpalais, dem Beginn der Oktoberrevolution, abgeschickt.

Abb. 1: vordere Ansicht des Briefes aus Wenden (29.12.17)

Mit der Übernahme der Macht in Petrograd durch die Bolschewiki am 07.November 1917 breitete sich die Revolution nur in einem kleinen Teil des Baltikums aus, zu dem auch Wenden gehörte. Die baltischen Provinzen, de facto noch Teil des Russischen Reiches, waren größtenteils vom deutschen Heer okkupiert. Riga wurde am 3.September 1917 von der VIII. Armee des deutschen Heeres erobert. Die Frontlinie verlief östlich von Riga. Danach sicherte die VIII. Armee ihre Stellungen und drang nicht weiter nach Osten vor. Ein Teil Livlands, Vidzieme und Lettgallia, in dem sich die Städte Wenden (Cesis), Wolmar (Valmiera) und Valka (Valga) befinden, blieb unbesetzt. Die Bolschewiki nutzten ihren Einfluss auf das lettische Schützenregiment, um diesen Teil für kurze Zeit unter ihre Herrschaft zu bringen. Die Mitglieder des bereits Ende Juli 1917 in Riga entstandenen Sowjets flüchteten in dieses Gebiet und errichteten in Valka ein Exekutivkomitee des Sowjets der Arbeiter, Soldaten und Landlosen Lettlands (ISKOLAT). Nach heutiger Darstellung [2] übernahm das Exekutivkomitee am 21.November 1917 vom Militärischen Revolutionskomitee alle Macht von der, bei Riga besiegten, 12.russischen Armee und löste die lokalen Verwaltungsorgane der provisorischen Regierung auf. Durch den Beginn der Verhandlungen um einen Frieden zwischen Sowjetrussland und Deutschland am 3.Dezember 1917 wurden zunächst eine Waffenruhe und dann ein Waffenstillstand ausgehandelt, der bis zum 14.Januar 1918 andauerte.

Nach einer russischen Darstellung [2] übernahm eine autonome Sowjetregierung in diesem Teil Livlands zwischen dem 24.Dezember 1917 und dem 20.Februar 1918 nach dem julianischen Kalender die Macht. Deren Mitglieder mussten flüchten, als das deutsche Heer im Zuge der Ablehnung der Bedingungen Deutschlands für einen Frieden mit Sowjetrussland durch Leo Trotzki weiter vorrückte und auch Wenden am 20.Februar 1918 besetzte.

Abb. 2: Rückansicht des Briefes (Ankunft in Stockholm: 01.05.18)

Das Einschreiben Nr. 852 in dem sehr kleinen Format von 8 x 11,4 cm wurde am 29.Dezember 1917 in Wenden (Cesis) abgeschickt und erreichte Stockholm am 1.Mai 1918. In französischer Sprache ist noch einmal „Recommandée“ vermerkt worden. Es ist an den Rittmeister Gustav von Horn in Strömsholm adressiert. Die Person, die den Brief aufgab, ist nicht vermerkt, lediglich eine Adresse: Gub. Livland, Stadt Wenden, Remerskaja Ulitza № 4.

Das Einschreiben ist portogerecht mit Marken der russischen Ausgabe vom 1.Januar 1917 frankiert. Mit 40 Kopeken musste ein eingeschriebener Brief vom 01.November 1917 bis 09.März 1918 in Sowjetrussland freigemacht werden. Ausgaben des zaristischen Russlands und deren Nachauflagen unter der provisorischen Regierung Kerenskis waren weiterhin frankaturgültig, da die junge Sowjetmacht noch keine eigenen Ausgaben emittiert hatte. Erst am 7.November 1918 gab die Russische Föderative Sozialistische Sowjetrepublik die erste Ausgabe heraus, den so genannten „Kettensprenger“ in zwei Wertstufen heraus. Der 20-Kopeken-Aufdruck war ein Symbol der damals in Russland beginnenden Inflation. Ferner trägt der Brief auf beiden Seiten den Zensurstempel вскрыто. В. ценз. № 1699 - П. В. О. (Петроградская Военная Цензура - Petrograder Kriegszensur). Bei genauerem Hinsehen erscheint dieser unter der Adresse des Empfängers. War er bereits auf dem Kuvert, bevor die Adresse geschrieben wurde? Der Poststempel „Wenden 29.Dezember 17“ dagegen erscheint über beiden, Zensurstempel und Adresse. Rätsel gibt auch die lange Laufzeit des Briefes auf. Er war, wenn man im unbesetzten Livland unter sowjetischer Herrschaft den noch geltenden julianischen Kalender zugrunde legt, in Schweden galt bereits der gregorianische, 108 Tage unterwegs. Diese lange Laufzeit kann der Tatsache geschuldet sein, dass der russischen Post der direkte Weg nach Westen versperrt blieb. Der Weg über die Ostsee war verschlossen, der über Finnland war aufgrund von dort beginnenden Kampfhandlungen zumindest unsicher für die Postbeförderung. Ansonsten blieb nur die Beförderung der Post über Sibirien. Einen Hinweis darauf gibt es auf dem Brief nicht. Vielleicht aber lag der Brief auch auf einer Zwischenstation, ohne weiterbefördert zu werden. Die handschriftliche Bleistiftnotiz auf der Rückseite ist nicht lesbar.

Der Brief ist ein interessantes Zeugnis für nicht einmal zwei Monate währende Herrschaft der Bolschewiki in Vidzieme und Lettgallia.

Literatur:
[1] www.worldstatesmen.org/Latvia.htm#Livonia
[2] ru.wikipedia.org/wiki/Исколат


 
 
Zurück zum Seiteninhalt | Zurück zum Hauptmenü